August 2018
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Wir können ja eh nichts tun. Ich schon.

Das Sommerloch ist inzwischen glücklicherweise vorüber. Die Junta um Söder, Dobrindt und Seehofer hatte den Untergang der CSU, wie wir sie kennen, eingeleitet, und auch jetzt ist es nur wenig besser. Nachdem Streit ist vor dem Streit, die Causa Maaßen ist (noch nicht ganz?) abgeschlossen und die Rechten toben (teils in tiefer Trauer) durch die Städte in Ostdeutschlands. Das Ende ist nahe nicht nur politisch von der Stimmung her, auch klimatechnisch gesehen. So können wir feststellen, dass der Planet hoffnungslos verloren ist – denn was sollen wir armen Bürger schon tun? Wir machen eben so gerne Fernreisen und Kreuzfahrten und unter einem 2-Tonnen-SUV kommt uns nichts in die Garage. So sind wir halt, dass ist unsere Schuld, aber was soll man machen (man stelle sich an diesem Punkt das schulterzuckende Männchen/Weibchen-Emoji vor).

Vor einiger Zeit las ich einen Kommentar in der SZ Online, der mir in meinen Twitterfeed gespült worden war. Schaut man sich an, was unter dem Hashtag #Klimawandel bei Twitter so gepostet wird, so könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich inzwischen bereits Wissen diesbezüglich verbreitet hat. Klimawandel passte thematisch gut ins Sommerloch, war der Sommer doch dieses Jahr ganz besonders heiß (auch wenn es vorrausichtlich kein Rekordsommer bezogen auf die Hitze wird) und trocken.

Und langsam ringt sich auch die Erkenntnis durch, dass wir wohl nicht genug tun, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und dass es wohl, wenn es so weiter geht, kein gutes Ende nehmen würde. Die Süddeutsche fordert: „Es muss eine Revolution der Vernunft geben.“ Kollektives menschliches Handeln sei notwendig, um das Steuer herumzureißen und: Staaten müssen wieder die Kontrolle übernehmen – Keine Gewinnmaximierung mehr als Ziel, Steuerung, Lenkung und Verteilung von Produktionsmitteln, Kontrolle über Mobilität, Wohnen und Digitalisierung. Man müsse sich entscheiden zwischen Kapitalismus und Klimaschutz. Alright – sollen es die anderen richten. Auch die Zeit titele Anfang August: „Bald gibt es kein zurück mehr.“ Hier ist die Rede von den Kippelementen im Erdsystem die durch externe Störungen in einen neuen Zustand versetzt werden können. Dies betrifft z. B. Permafrostböden, Regenwälder im Amazonasgebiet, Gletscher- und Polarregionen sowie Meeresströmungen wie den Golfstrom usw. – detaillierter nachzulesen auf der Seite des PIK (weiter oben bereits unter „Kippelemente“ verlinkt). Offenbar ist auch das Zwei-Grad-Ziel nicht ausreichend, aus der Sicht der Klimaforscher sollte die Erwärmung nicht mehr als 1,5-Grad betragen. Der Kurs geht wohl aktuell eher auf die Drei-Grad-Marke zu.

Um so weiterzumachen wie bisher, bräuchten wir wohl mehrere Erden, stellt Johannes Vogel in einem Gastkommentar beim Tagesspiegel fest. Am 2.August (der Tagesspiegel nennt fälschlicherweise den 1.August – aber wir hatten tatsächlich einen Tag länger…) diesen Jahres war Earth Overshoot Day – d.h. alle Ressourcen, die wir für 2018 zur Verfügung gehabt haben, waren zu jenem Zeitpunkt bereits aufgebraucht. Würden weltweit alle so leben wie wir hier in Deutschland, bräuchte man 3,2 Erden. Er hat eine einfache Antwort darauf, wer die Treiber einer notwendigen Veränderung sein könnten: „Einfach in den Spiegel schauen.“

Individuelle Verantwortung wahrnehmen

Die Welt ist kein unerschöpflicher Gabentisch

Im 2014 erschienen Film „Interstellar„, der auf einer sterbenden Erde spielt, gibt es eine Szene, in der der Protagonist Cooper und sein Vater auf der Veranda ihrer Farm sitzen und sich über früher unterhalten. Früher, so der alternde Vater, habe sich die Menschheit verhalten, als sei jeden Tag Weihnachten gewesen. Das trifft die momentane Situation des individuellen Konsumverhaltens ganz gut: Du willst es du kriegst es. Sofort. Wenn ich an meine Jugend zurück denke, so gab es die Möglichkeiten, sich auch große und teuere Dinge schnell und zeitnah zu leisten, nicht in der heutigen Form. So war beispielsweise der Konsumkredit, wie er heute für viele Dinge Angeboten wird – vom Mixer über den neuen Fernseher oder das teure E-Bike bis hin zum Auto – nicht üblich. Laut dem aktuellen Konsumkredit-Index 2018/19 steigt nach wie vor die Tendenz der Menschen, Dinge über einen Kredit zu finanzieren, an. Die Konsumausgaben sind 2017 kräftig gestiegen – die Deutschen sind im „Kaufrausch“, wie der Tagesspiegel so schön titelt. Für 2018 geht die GFK von einer Steigerung der Konsumausgaben um weitere 2% aus. Steigerungen werden insbesondere bei großen Anschaffungen und bei Urlaubs- und Privatreisen erwartet: „Man gönnt sich gerne etwas und Erlebnisse liegen im Trend.“ Kein Wunder, denn einst teure und luxuriöse „Premiumurlaube“ wie Kreuzfahrten boomen mittlerweile mit massiv gestiegenen Passagierzahlen. Inzwischen ist das Flugzeug als Reiseverkehrsmittel mit 40% Anteil direkt hinter dem Auto, dass mit 46% mit abnehmender Tendenz (noch) vorne liegt (siehe hierzu „Der Deutsche Reisemarkt 2017“, Publikation des DRV (pdf)).

Bin ich auf dem falschen Dampfer?

Kant hat in seinem klassischen Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, der sicherlich dem einen oder anderen Leser bekannt sein sollte, ganz zu Anfang geschrieben – ich zitiere den ersten Absatz (aus dem Projekt Gutenberg):

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere Aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Das heißt also, dass ich selbst als Individuum im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte herzlich eingeladen bin, von meiner Vernunft „[…] in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“ Und wenn ich das ganz richtig mache, dann handle ich sogar nach dem von Hans Jonas vorgeschlagenen, erweiterten und nachhaltigerem kategorischen Imperativ, der auch die Folgen meiner Handlung für meine Mitmenschen und vor allem die mir nachfolgenden berücksichtigt:Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung mit der Permanenz menschenwürdigen Lebens verträglich sind. Also nicht nur – wie es einer der kant’schen Imperative darstellt – so, dass das eigene Handeln Grundlage allgemeiner Gesetzgebung werden könnte, sondern so, dass eben die Menschheit in Zukunft – und das ist wichtig! – menschenwürdig weiterexistieren kann. Systemtheoretisch gesehen müssen also meine Handlungen weiterhin anschlussfähig bleiben. Einfach zusammengefasst:

„Ein mündiges menschliches Individuum trifft vernünftige Entscheidungen unter Berücksichtigung der Interessen seiner Umwelt, seiner Mitmenschen und derer, die da noch kommen mögen. Verantwortungsvolles Handeln schließt das Zocken und das Verlagern von Risiken in die Zukunft aus.“

Eigentlich total einfach, oder? Das Kreuzfahrtranking des NABU von 2017 zeigt, dass die „[…] Reedereien […] noch immer auf das giftige Schweröl als Kraftstoff [setzen], Rußpartikelfilter bleiben die absolute Ausnahme.“ Nun mag man sagen, der NABU ist ja sowieso als Öko-Truppe vorbelastet. Jedoch nimmt auch die Wirtschaftswoche aktuell Bezug auf die Zahlen des Nabu und stellt fest: „Die Branche boomt – doch die Umweltbilanz ist verheerend.“ Weltweit würde zudem nur ein einziges Kreuzfahrtschiff ohne Schweröl betrieben. Dabei stehen die deutschen Reedereien noch verhältnismäßig gut da. Ob die Zahlen des NABU hinsichtlich des Schadstoffausstoßes stimmen oder nicht (da gibt es inzwischen auch Zweifel). Hinzu kommen außerdem noch Ausbeutung der billigen Arbeitskräfte an Bord und die Auswirkungen auf die jeweilige Umwelt vor Ort – Victoria Scherff hat bei Utopia einen ausführlichen, lesenwerten Artikel erstellt. Nun ist es so, dass das Thema auch seit einigen Jahren bereits jenseits der „Ökotruppen“ wie Utopia, Greenpeace oder dem NABU kritisch hinterfragt wird. „Das Kreuz mit den Kreuzfahrten“, titelte etwa der Deutschlandfunk 2016, 2017 überschreibt die Frankfurter Rundschau ein Interview mit einem Reise-Experten mit: „Was an Kreuzfahrten problematisch ist? Alles!“ später im Interview führt Frank Herrmann aus: „Nutznießer sind eigentlich nur die Veranstalter und Werften, die immer mehr Luxusliner bauen. Ein krasses Beispiel dafür, dass die Gewinne privatisiert und die ökologischen und sozialen Folgen von der Allgemeinheit getragen werden.“ Nun ist es keinesfalls so, dass die Informationen nicht allgemein zugänglich wären oder unter Verschluss stehen würden. Im Gegenteil: Dadurch dass das Thema bereits in den unterschiedlichsten Medien über mehrere Jahre diskutiert wird, kann eigentlich fast davon ausgegangen werden, dass viele Menschen bereits davon gehört haben.

Anderer Dampfer: Das Automobil. Seit einem Einbruch – vermutlich zusammenhängend mit der Wirtschaftskrise 2008/2009, man erinnert sich vielleicht auch noch an die nicht ganz unkritisch aufgenommene „Abwrackprämie„, die mit einer enormen, kurzzeitigen Steigerung von Neuzulassungen einherging – ist die Zahl der Neuzulassungen von 2,92 Millionen PKW im Jahr 2010 auf 3,44 Millionen im Jahr 2017 gestiegen. Der überwiegende Teil sind inzwischen Firmenwagen, Diesel macht 38,8% aus, Alternative Antriebe lagen insgesamt bei ca. 3,4% laut Kraftfahrtbundesamt. Motortalk schreibt, sich auf Zahlen des CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen berufend, dass die Motorisierung der zugelassenen Neuwagen massiv gestiegen ist – 2017 lag der Durchschnitt bei stattlichen 152 PS. Als Treiber werden hier die beliebten SUV gesehen, die auf Grund ihres üblicherweise höheren Gewichts stärker motorisiert sind. Die Motorisierung wäre im übrigen noch kräftiger angestiegen, wenn die Verkaufszahlen der Dieselfahrzeuge nicht gesunken wären. Auf die selben Zahlen beruft sich die Hannoversche Allgemeine, die Ferdinand Dudenhöffer mit folgenden Worten zitiert: „Trotz Dieselgate, Klimaprotokollen und Diskussionen um blaue Plaketten geht das PS-Rennen im deutschen Automarkt weiter.“ Und: „Der durchschnittliche Neuwagen habe mittlerweile mehr PS als der stärkste Porsche in den Sechziger Jahren [.]“ Hinzu kommt, dass Autos zunehmend üppigere Dimensionen haben, was zunehmend zur Belastung wird (interessant ist die Hypothese von Motortalk, dass dies ggf. auch mit dem ebenso gewachsenen Bodymass-Index der Fahrer zusammenhängt – Fette Autos für fette Menschen?). Fetter, größer, stärker – und damit einher geht auch eine Steigerung der CO2-Emissionen. Anfang 2018 waren fast alle Automobilhersteller weit vom EU-Ziel, die Flottenemissionen im Schnitt auf 95 Gramm CO2-Ausstoß pro km und Fahrzeug zu senken, entfernt. Dabei liegen die größten Differenzen im Premiumsegment, mit Porsche, Audi, Mercedes und BMW in der „Spitzengruppe“. Dabei gehören weder das Handelsblatt noch Motortalk zu den klassischen links-grünen Ökoblättern – d.h. auch Kreise, die sich nicht bevorzugt auf den Seiten von Greenpeace, NABU oder der taz tummeln, könnten durchaus folgendes mitbekommen haben: Die PKW in Deutschland werden immer mehr (Die ADAC-Staubilanz vermeldet eine Zunahme von 4% Stauaufkommen für 2017, täglich 4000km Stau), kräftiger und größer und der CO2-Ausstoß nimmt zu, was auch mit dem SUV-Boom zusammenhängt und was nicht gut für Umwelt, Klima und Infrastruktur ist.

Man könnte nun noch weiter machen: So ist seit Jahre bekannt, dass die massenhafte Produktion von Smartphones und der regelhafte Austausch des Altgeräts im 12- oder 24-monatigen Turnus nicht so richtig nachhaltig ist (Rohstoffgewinnung zumindest zum Teil mit Kinderarbeit, Produktion unter miesen Bedingungen und Probleme beim Recycling bzw. der Entsorgung, was bereits durchaus länger bekannt ist). Zudem wird die Reparatur elektronischer Geräte zunehmend schwieriger, ein Stichwort ist „geplante Obsoleszenz“ (siehe auch  z. B. hier oder einen aktuelleren Fall hier). Die Geräte werden dann entsorgt, oft ist aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein Neukauf günstiger. „Für die Umwelt sei diese Strategie allerdings eine Katastrophe,“ schreibt die Südwestpresse. Vor kurzem hatte ich hier ein Gespräch mit einem Bekannten, der mir als technikkompetenem Zeitgenossen ein aktuelles Angebot des lokalen Media Markts für ein Android-Smartphone vorlegte, dass „nur“ 259 € kosten sollte. Ich sagte ihm, das könne man schon machen, man müsste aber davon ausgehen, dass man bei einem solchen Gerät in dieser Preisklasse vermutlich schon recht bald keine Updates (siehe hier oder hier) mehr bekommen würde: Die Updatepolitik der Hersteller von Android-Smartphones greife eben nur bei den Spitzenmodellen. Daher würde vermutlich das Einsteigermodell für 259 € nach ein bis zwei Jahren obsolet, was auch hinsichtlich der Nachhaltigkeit schlecht wäre. Die Aussage meines Gegenüber war, dass dies nicht seine, sondern die Aufgabe der Unternehmen sei, sich über Nachhaltigkeit Gedanken zu machen und er das Gerät ausprobieren würde – und wenn es dann so sein sollte, er nach zwei Jahren ein neues Smartphone kaufen würde. Und diese Haltung ist eigentlich, so mein Eindruck, eine ganz typische: Die Verantwortung für das eigene Handeln wird an andere delegiert: An die Unternehmen, weil sie die Produkte herstellen und mit gezieltem Marketing verführen, die Politik, weil sie unzureichend reguliert, oder schlicht an eine amorphe Allgemeinheit – „Die Gesellschaft“ – die zu wenig tut.

Der schwarze Peter beim anderen

Marketing, Werbung und Co.

Mit der zunehmenden Industrialisierung bereits im 19. Jahrhundert und dem Ende der feudalistischen Gesellschaftsordnung begann der Siegeszug des Kapitalismus. In Deutschland begann der Massenkonsum nach dem zweiten Weltkrieg. Die Globalisierung und die Erschließung neuer, günstiger Produktionsländer insbesondere nach dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er Jahren und der Öffnung Chinas trugen sicherlich ebenfalls dazu bei, den Massenkonsum in den westlichen Staaten weiter zu befördern. Mit einem schnelleren Internet ab den späten 1990er Jahren, Smartphones ab ca. 2007 und sozialen Netzwerken seit ca. 2003 (Internet-Foren, Bulletin Boards, IRC und Co. gab es schon früher) für die breite Masse traten auch neue Marketingformen auf, die, verbunden mit der technischen Möglichkeit, „Big Data“ nutzen, speichern und verarbeiten zu können, ganz neue Möglichkeiten bieten können. So steigen die Investitionen in Internetwerbung nach wie vor noch an. Und Werbung in den sozialen Medien wird vermutlich bis 2019 die Printwerbung abgehängt haben. Produkte werden anders und gezielter präsentiert und Social Media ermöglicht es Unternehmen, mit der richtigen Strategie näher an der Zielgruppe zu sein, die sich inzwischen auch mit Hilfe der angewachsenen Datentöpfe besser definieren lässt. Influencer Marketing, eine noch relativ frische Disziplin ist inzwischen immer mehr auch für die Erreichung von „erwachsenen“ Zielgruppen von Bedeutung. 2017 war laut einer Studie der Influencer auf dem dritten Platz was die glaubwürdigste Quelle für Produktempfehlungen im Internet angeht – nach Freunden und Bekannten und Produktbewertungen auf Platformen.

War früher also Werbung noch leicht als das doofe Plakat an der Litfasäule oder die grenzdebile Clipshow, die mir meinen Spielfilm zerhackt erkennbar, so ist sie nun zum Teil wesentlich schwerer identifizierbar. Sie läuft als individuell zugeschnittener, geringfügig markierter Beitrag durch den Newsfeed auf Facebook, Instagram oder Twitter oder das Produkt wird einem direkt über Youtube vor die Nase gehalten, geunboxt, gefeatured oder ähnliches. Dabei scheint es gerade diese persönliche Ansprache zu sein, die besonders verführerisch ist.

Man kann also einerseits festhalten, dass die Möglichkeiten, den Einzelnen mit maßgeschneiderten, interaktiven Marketingaktionen zu erreichen, besser sind als je zuvor. Es ist mehr bekannt über den Kunden und seine Bedürfnisse, als es früher der Fall war, was das Verführen erleichtert; Aber es gehört natürlich immer noch jemand dazu, der sich verführen lässt. Wer allerdings die „Opferrolle“ des Verbrauchers überbetont, spricht ihm zugleich auch Mündigkeit ab.

Die Regierung muss handeln!

Vorneweg: Selbstverständlich muss Klimaschutz auch ein primäres Ziel einer nachhaltigen Politik sein. Anfang Juni diesen Jahres wurde bekannt, dass die Klimaschutzziele Deutschlands für 2020 wohl auch aufgrund der unerwartet guten Konjunktur – im Zweifel für die Wirtschaft – wohl nicht mehr zu schaffen sein werden. Zum Zeitpunkt, als ich diese Zeilen verfasse, ist ebenso die Räumung des Hambacher Forsts in vollem Gange – ein uralter Wald soll einem Braunkohlerevier weichen. An RWE, dem Konzern, der hier roden möchte, halten Kommunen Anteile und sind als Stakeholder dementsprechend an einem Wohlergehen des Konzerns interessiert, so äußert sich die Stadt Essen beispielsweise dahingehend, dass sie auf die Dividende der RWE angewiesen sei. Stichwort Abgasskandal: Seit zumindest September 2015 ist bekannt, dass der Volkswagenkonzern Abgaswerte manipuliert hat. Für die USA wurde dann auch schnell klar, dass es zu horrenden Schadensersatzsummen in zweistelliger Milliardenhöhe kommen würde. Und was ist in Deutschland passiert? Mit Staatsversagen! betitelt ein Kommentar im Spiegel Online Anfang des Jahres die Bemühungen der Bundesregierung. Die Folgen des Fehlervehaltens der Automobilindustrie würden sozialisiert, heißt es. Ein Resümee des Spiegels ein Jahr nach dem Dieselgipfel im August 2017 leitet ein mit „Viel versprochen, viel gebrochen.“ Zwar wurde die Luftqualität wohl etwas besser, jedoch haben sich Fahrverbote nicht vermeiden lassen. Softwareupdates manipulierter Fahrzeuge hat es gegeben, was die Hardwarenachrüstung angeht, sperren sich die Beteiligten nach wie vor – obwohl es aktuell Anzeichen gibt, dass der zuständige Minister Scheuer hier offenbar umdenkt. Die Frage, wer die Kosten hierfür übernimmt, ist allerdings bisher nicht geklärt. Kurz: Es macht hinsichtlich des Klimaschutzes nicht unbedingt immer Sinn, sich auf eine Regierung zu verlassen, die  im Zweifel scheinbar eher für Wirtschafts- als für Klimaschutzinteressen eintritt. Wäre doch auch Schade, wenn die ganzen schönen Arbeitsplätze auf dem Altar des Klima-, Umwelt und Gesundheitsschutzes geopfert würden…

So soll die Regierung die Bienen retten und Neonicotinoide und am Besten gleich auch Glyphosat verbieten, die Energiewende voranbringen, die Ernährung gesünder machen, den Radverkehr ausbauen – im letzten Jahr machten die Grünen in München mit der Forderung nach einem SUV-Verbot für München Schlagzeilen. Vor nicht allzu langer Zeit forderte der NABU auch ein Verbot für „schmutzige Kreuzfahrtschiffe“. Also bitte liebe Regierung: Mach doch mal!

Aber die anderen!

„Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?
My friends all drive Porsches, I must make amends.
Worked hard all my lifetime, no help from my friends,
So Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“

So beginnt der altbekannte Song von Janis Joplin (die selbst übrigens auch Porschefahrerin war…) der vielleicht ganz gut das Problem mit den Anderen darstellt. Alle meine Freunde fahren Porsche, da muss für mich doch zumindest ein Mercedes drin sein! Man spricht hier von demonstrativem, Status- oder Geltungskonsum. Um seinen Wohlstand zu zeigen und sich einer gewissen Klasse zu zuordnen, werden Luxusgüter konsumiert, deren Funktion über die reine Funktionalität (das Auto fährt von A nach B) hinaus noch Signale zum Status des Besitzers übermittelt (ein Volkswagen erreicht sein Ziel genauso wie ein Porsche – sendet aber andere „Statussignale“). Diese Idee des Geltungskonsums geht zurück auf den amerikanischen Soziologen Thorstein Veblen. Nach ihm benannt ist auch der Veblen-Effekt: Damit ist gemeint, dass die Nachfrage nach einem Gut trotz einer Preiserhöhung steigt, weil der Konsum teurer Güter bevorzugt wird, um den eigenen Status anderen gegenüber herauszustellen. Hinzu kommen häufig Rollenerwartungen: Weil jemand eine bestimmte berufliche Position hat, wird von ihm erwartet, dass er ein standesgemäßes Fahrzeug fährt – Der Geschäftsführer eines Mittelständers fährt nun mal einen Mercedes, BMW oder Audi, weil es von ihm erwartet wird. Das Premiumfahrzeug ist in dem Fall ein Attribut, dass mit der Rolle einer Person verbunden wird. Dabei ist aber rollen-, geltungs- oder statusbezogener Konsum nicht nur auf Fahrzeuge beschränkt: So wird beispielsweise bei Jugendlichen das Konsumverhalten stark durch die Zugehörigkeit zu einer Peer Group bestimmt. Dies dürfte sich nicht nur auf Jugendliche beschränken, In- und Out-Gruppen – Soziale Kreise denen man sich zugehörig fühlt oder fühlen möchte sowie die anderen, mit denen man nicht identifiziert werden will spielen auch im Erwachsenenbereich eine wichtige Rolle (sicherlich interessant im Bereich der Sozialpsychologie/Gruppendynamik ist hierzu Şerifs Ferienlagerexperiment – Hier wurde mit Kindern geforscht). Vor einigen Jahren kamen in der Zeit bereits Wissenschaftler zu diesem Thema zu Wort: Zugehörigkeit sei im Laufe der Evolution ein Faktor gewesen, von dem das Überleben der Individuen abhängig gewesen sei. Zwischenzeitlich dienen Marken dazu, Gruppen auszumachen, denen man sich anschließen könnte. Und wer möglichst ähnlich den Mitgliedern einer solchen Gruppe ist, hat die besten Chancen, aufgenommen zu werden. Offenbar geht das soweit, dass das menschliche Gehirn soziale Konformität belohnt. „Ich shoppe, also bin ich,“ zitiert der Artikel den Soziologen Zygmunt Bauman. Es kann also festgestellt werden, dass das Konsumverhalten des Individuums entscheidend durch die sozialen Gruppen, in denen es sich bewegt, beeinflusst wird. Produkte sind auch Symbol der Zugehörigkeit und des Status und haben somit auch eine soziale Funktion, die dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit folgt. Und weil Menschen eben nach Zugehörigkeit streben, werden Nachhaltigkeitsaspekte daher auch möglicherweise hinten angestellt.

Was tun, Mensch?

Fuck the World, save yourself?

Man kann also feststellen, dass es nicht ganz so einfach ist, wie es auf ersten Blick erscheint. Vielleicht – das mag nun gewagt klingen – hat der oben zitierte Immanuel Kant schlichtweg nicht mit der heutigen Welt gerechnet, als er sein Werk formuliert hat. Seine individualethischen Ansätze funktionieren sicherlich besonders gut im alltäglichen Miteinander aber nicht unbedingt in einer globalisierten Welt, in der Handlungen in ihren Folgen im vornherein nicht immer vollständig absehbar sind – Mit zunehmender Komplexität und Kontigenz kann moralischer Absolutismus nicht mehr so funktionieren, wie es sich Kant vorgestellt hat. Sicherlich auch ein Grund für den von Jonas postulierten, neuen kategorischen Imperativ. Zudem muss man wohl mit der Fehlerhaftigkeit des Menschen rechnen: Der Mensch wird eben durch (immer besser gezielte und subtile) Werbung manipuliert, hat ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu anderen und stellt dies Nachhaltigkeitsaspekten wie Klimaschutz oder Ressourcenschonung voran. Daraus erklärt sich sicherlich auch die herausragende Fähigkeit des Menschen, zwei sich widerstrebende Standpunkte zugleich zu vertreten (einfaches Beispiel: „Ich bin gegen Atomstrom aber Ökostrom ist mir zu teuer!“, „Ich bin gegen Tierquälerei und Tierfreund, grille aber gern ein leckeres Steak“, „Luftverschmutzung ist doof aber im Sommer fliege ich auf die Maledieven“ – die Liste ließe sich endlos fortsetzen) die letzendlich immer wieder auch hehre Ziele scheitern lässt.

Trotz allem: Raus aus der Unmündigkeit!

Man hat es nicht leicht im Leben, denn die Verführung lauert an jeder Ecke. „Ich weiß, wie schmutzig Kreuzfahrtsschiffe sind, aber ich wollte doch so gern einmal nach St. Petersburg,“ hörte ich meine Mutter neulich sagen. Mein Vater, mit dem sie gemeinsam die Kreuzfahrt machen wird, pflichtete ihr sogar bei. Ein anderer wählt dann doch das V8-Cabrio, man lebt ja auch nur einmal. Und will eine schöne Zeit haben. Fliegen ist nun mal schnell, praktisch und inzwischen kostengünstig – und Zugfahren: Wer Termine einhalten möchte, muss teils größere Zeitpuffer reservieren, wenn er sicher sein will, dass er pünktlich kommt. Allein diesen August erreichten weniger als 70% der Fernverkehrszüge pünktlich ihr Ziel. Und auf der kürzeren Strecke will oft nicht auf das Auto verzichtet werden. Und das ist sicherlich auch nicht ganz unverständlich: So hat die Zeit im Februar nachgefragt, wie der öffentliche Nahverkehr aussehen müsste, damit das Auto stehen bleibt: Taktung außerhalb der Stoßzeiten, Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit und auch solche Dinge wie umständlicher Transport von Einkäufen spielen dabei eine Rolle. Gerne vergisst man dabei, dass auch das bequeme Autofahren schnell unbequem werden kann – Leute, die z. B. regelmäßig Autobahnen wie z.B. auch die A8 frequentieren, wissen sicher genau was ich meine.

Auch wenn es verschiedene Stimmen gibt, die postulieren, ein nachhaltiger Lebensstil wäre ohne Verzicht möglich und einen klimaschonenden, umweltbewussten Lebensstil auf absolute Basics reduzieren (Genau, Müll trennen ist ja schon mal ganz toll, nen Jutebeutel statt ner Plastiktasche, Einkaufsliste im iPhone statt auf Papier – der Strom fällt ja auch vom Himmel – gell, Cosmopolitan?). Sicher, man muss mit den Grundlagen anfangen und man wird sich nicht komplett umstülpen können und auf alle liebgewonnen, vielleicht über Jahre eingeschliffenen, „sündhaften“ Angewohnheiten, Verhaltensweisen – einen Lebenstil vielleicht auch – verzichten können und wollen. Und wie weiter oben bereits erwähnt: Wir sind so vielfältiger Manipulationsversuche ausgesetzt, dass wir immer wieder an verschiedenen Stellen scheitern müssen (auch ich habe wunde Punkte, Stichworte Fahrräder und Laufschuhe…). Und Verzicht kostet eine gewisse Anstrengung und „flutscht“ eben nicht wie von selbst. Das Auto für den Einkauf stehen lassen, auch wenn es regnet? Gardasee statt Malediven? Kein Billigflug im Inland? Gar keine Kreuzfahrten? Polo statt Porsche? Kleider aus nachhaltiger Produktion (Utopia hat einen ganzen Berg Tipps dazu) – und vor allem weniger und länger Tragen? Es gibt eine ganze Menge Punkte, bei denen man ansetzen könnte.

Alles geht nicht – das wäre vermutlich eine Überforderung für jeden (es gibt auch Stimmen, die durchaus sagen, dass eine Ethik wie die Kants durchaus moralisch überfordern könnte…), aber ein Umdenken und Überdenken des individuellen Handelns zumindest in Teilen kann durchaus Sinn machen: Ist es richtig, auf Kosten der kommenden Generationen zu leben? Warum soll nur ich das Recht haben, in einer halbwegs intakten Umwelt zu leben und die Nachkommenden sollen schauen wo sie bleiben? Man lebt nur einmal? Ist das nicht eine etwas dünne Argumentation? Es ist eine durchaus weitverbreitete Angewohnheit, die Kosten für den eigenen Lebensstil „outzusourcen“ (ich habe über bestimmte Aspekte auch bereits etwas geschrieben) oder die Zahlung nach hinten zu schieben frei nach dem Motto „heute Kaufen, morgen zahlen“. Wir werden von heute auf morgen nicht zu Klimaschutzumweltengeln mit blitzsauber-grünem Heiligenschein. Aber im Kleinen kann man anfangen. Nicht nur bei Dingen, die selbstverständlich sind und von alleine gehen (die z. B. im obigen Cosmopolitanartikel angesprochenen Edelstahlstrohhalme – spülmaschinenfest – stehen bei mir schon seit 10 Jahren im Küchenschrank. Gesehen, gekauft, kam mir grundsätzlich logisch sinnvoll vor, mit Kindern) sondern auch bei den Handlungen, die meinen ökologischen Fußabdruck (Brot für die Welt bietet einen netten Test) signifikant verbessern: Laufen oder ÖPNV statt autofahren, Kleiderkäufe saisonal und bei Bedarf – Impulskäufen wiederstehen o. ä.

Jedoch: von alleine wird das nicht gehen. Vielleicht fängt man an einer Stelle an, wo es wenig weh tut (genau, hier kommt der oben angesprochene Cosmopolitan-Artikel wieder ins Spiel…) und arbeitet sich Stück für Stück vor (Utopia hat für die Fortschreitenden ebenfalls einige Tipps auf Lager). Nur gar nichts tun, das wäre schon verantwortungslos (Na ja es sei denn, man ist der Auffassung, der Klimwandel sei sowieso nur eine Erfindung der Chinesen).

Anmerkung: Ich werde zukünftig keine Quellenlinks mehr am Ende eines Beitrags aufführen. Das hängt auch mit dem EU-Leistungsschutzrecht zusammen und der mir noch etwas zu unklaren Lage hinsichtlich Urheberrechtsverletzung und Verlinkung. Zukünftig werde ich in meinen Texten auch direkte Zitate aus Artikeln der Onlineausgaben von Zeitungen vermeiden um keine Verstöße gegen EU-Recht zu begehen. Mehr Infos dazu finden sich auf der Themenseite von Netzpolitik.org.

 

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