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Fakes, Hoaxes und Co. – Wie man das Verteilen von Unfug vermeidet

Mir fällt immer wieder insbesondere in sozialen Netzwerken auf, dass wahnsinnig viel hahnebüchener Unsinn verbreitet wird. Vieles wird schnell viral, und ehe man es sich versieht, ist der Quark aus dem Becher in den Äther und einmal um die halbe Welt gelaufen. Dabei sind es eigentlich nicht nur primär dumme Menschen, die scheinbar ohne Reflexion den „Teilen“-Button betätigen und Inhalte verbreiten, die sich bei genauerer Betrachtung als Unfug entpuppen. Ein kleiner Ratgeber an dieser Stelle.

Vorneweg: Auch ein Übermaß geteilter Katzenbilder kann Unfug sein, genauso wie ganz besonders lustige Memes oder animierte GIFs. Aber diese Form von Unfug ist hier nicht gemeint. Und: Auch mir ist es bereits passiert, dass ich Inhalte geteilt habe, die sich hinterher als Quatsch entpuppt haben. Man wird es vermutlich nie vollständig verhindern können, dass sich Dinge im Netz verbreiten, die sich bei näherer Betrachtung als falsch erweisen – auch, weil es kaum immer möglich sein wird, dass die zur Entlarvung notwendigen Informationen rechtzeitig zur Verfügung stehen.

Falschmeldung, Fake News, Hoax?

Zunächst ist es sinnvoll, ein wenig Klarheit über die Begrifflichkeiten zu schaffen. Denn Fake News, Falschmeldung, Hoax, sind keine Synonyme. Nach Definition des Dudens sind Fake News „[…] in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen […]“ in den Medien. Daher spielt hier die Intention eine wichtige Rolle: Fake News werden nach dieser Definition absichtsvoll und trotz besseren Wissens verbreitet. Der Begriff wird in seiner jetzigen Form seit 2016 (pdf) verwendet. Häufig zielen Fake News darauf ab, die öffentliche Meinung in eine bestimmte politische Richtung zu lenken. Dieser Begriff grenzt sich in gewisser Weise zur „klassischen“ Falschmeldung ab, oft auch als „Zeitungsente“ bezeichnet. Auch die Definition des Dudens fasst den Begriff neutraler, schlicht als eine Meldung, die „[…] nicht dem wirklichen Sachverhalt entspricht, ihm widerspricht.“ Das heißt, eine Falschmeldung ist begrifflich umfassender: Sie kann in manipulativer Absicht verbreitet worden sein – eben wie die Fake News – kann aber einfach aufgrund mangelhafter Recherche, unsauberer Arbeit oder schlicht fehlenden Informationen entstehen. Der englische Begriff „Fake“ ist im Gegensatz zum deutschen „falsch“ auch immer negativ konnotiert: to fake bedeutet vortäuschen oder nachmachen, ein Fake ist ein Schwindel oder eine Fälschung. Eine falsche Meldung kann aber eben auch verbreitet werden, weil diese als Tatsache angenommen wird und/oder es die Urheber bzw. Verbreiter nicht besser wissen.

Ein Hoax wird durch den Duden als „[…] durch E-Mail verbreitete Falschmeldung […]“ definiert, was insbesondere für eine Institution wie den Duden keine Glanzleistung darstellt: Nach dieser Lesart wäre Hoax ein Synonym zu Fake News, nur dass sie per E-Mail verschickt wird? Aha. Die Wikipedia, das Medium, welches immer dann hilft, wenn alle anderen Stricke gerissen sind, bezeichnet in einem nicht hinreichend mit Belegen versehenen Artikel einen Hoax als „[…] eine Falschmeldung [..], die in Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen, per E-Mail, Instant Messenger oder auf anderen Wegen (z. B. SMS, MMS oder soziale Netzwerke) verbreitet, von vielen für wahr gehalten und daher an Freunde, Kollegen, Verwandte und andere Personen weitergeleitet wird.“ G-Data, Hersteller von German Sicherheit, hat in einem Artikel den Begriff Hoax recht breit gefasst: basierend auf dem englischen Wort für „Scherze“ oder „Streiche“ können Hoaxes Spendenaufrufe für Schwerkranke, Verschwörungstheorien, Warnmeldungen (z. B. vor Computerviren), Kettenbriefe und mehr umfassen. Ihnen gemein ist die oft spektakuläre Aufmachung, die oft nur als Lockmittel dient. Ein Hoax kann einerseits also eine Fake News sein – andererseits aber viel mehr: eine elaborierte Verschwörungstheorie, die in großem Stil angelegt ist (z. B. ein Klassiker unter den großangelegten Fälschungen, der sich hartnäckig hält, sind die berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion, wozu Hoaxilla einen interessanten Podcast gemacht hat). Aber ein Hoax kann auch nur ein relativ banaler Facebook-Kettenbrief nach dem Strickmuster „Wenn diese Statusmeldung 1000 Mal geteilt wird, erhält dieses krebskranke Kind eine Spende“ o.ä. sein.

Man kann also sagen, alle drei Begriffe überschneiden sich in ihrer Bedeutung, sind aber nicht vollständig übereinstimmend. Am ehesten ließe sich der Begriff Hoax als umfassend beschreiben, der auch elaborierte Konstrukte wie Verschwörungstheorien – von den Weisen von Zion über Chemtrails und Echsenmenschen bis hin zur flachen Erde – beinhaltet. Nach dieser Lesart fallen Falschmeldungen und Fake News unter den Oberbegriff Hoax, machen aber nur einen Teil des Ganzen aus – es kann jedoch Verquickungen geben, wie beispielsweise im Falle des Milliardärs George Soros, der jüngst wieder in der Presse war: Einschlägige Seiten im Netz bezeichnen ihn als „Rothschild-Agenten“, Victor Orban gibt dem Milliardär die Mitschuld an der Flüchtlingskrise und spricht von einem „Soros-Plan“, den die EU umsetzen will um „[…] jährlich eine Million Migranten in der EU anzusiedeln.“ Am Ende kommen dann alle Elemente zusammen: Verschwörungstheorie, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und politische Strategie.

Erkennen und handeln

Einige Grundregeln

Es ist nicht immer ganz einfach, falsche oder gefälschte Meldungen oder Theorien zu erkennen. Fakes aller Art sind dann ganz besonders gefährlich, wenn sie das eigene Weltbild beziehungsweise die eigenen Sichtweisen oder die der persönlichen Filterblase bestätigen. Es ist daher wichtig zu bemerken, dass nicht nur rechte, populistische oder Personen aus dem Lager der Verschwörungstheoretiker sich falschen Aussagen bedienen, sondern dass dies auch andere politische und gesellschaftliche Akteure beherrschen. Ein Beispiel, dass mir vor kurzem auf Facebook begegnet ist, und das dem Grunde nach vielleicht fast banal ist: Es wurde ein Beitrag einer Gruppe zum Thema Bienensterben geteilt, der eine bildhafte Darstellung dieses ominösen Einstein-Zitats war:

„Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“

Das ist nicht von Einstein!

Das ist nicht von Einstein!

Die Authentizität dieses Zitats ist bereits seit Jahren widerlegt (siehe z.B. in der Wikipedia, hier, oder hier). Hans Schuh, der für die Zeit 2007 einen Artikel zum Bienensterben verfasst hat, schreibt unter Berufung auf den Bienenforscher Jerry Bromenshenk in seinem Artikel Die Biene, das Geld und der Tod:

„Bromenshenk ist auch dem Einstein-Zitat nachgegangen und hat in Israel am Einstein-Institut angefragt. Die Antwort: Einstein hat das Bienensprüchlein nie gesagt. Es wäre auch biologischer Unsinn. […] Der Wind und Myriaden anderer Insekten sorgen ebenfalls dafür, dass Pflanzen Früchte tragen.“

Nach wie vor erfreut sich dieses Zitat allerdings großer Beliebtheit, wenn es um den Schutz der nützlichen Insekten geht: Und Nobelpreisträger und Genie Albert Einstein gilt natürlich als gewisse Authorität. So wird das Zitat beispielsweise bei einer Initiative der Schwartauer Werke mit dem hübschen Namen „bee careful“ verwendet, Anton Hofreiter von den Grünen soll es laut topagrar verwendet haben und auch im schweizerischen Dokumentarfilm über Bienen „More than Honey – Bitterer Honig“ wird dieses Zitat genutzt (siehe auch bereits weiter oben). Dabei ist dieses fehlerhafte Zitat leicht zu entlarven und führt direkt zur ersten Grundregel:

Nutze die Kraft von Google!

Genau! Einfache Dinge wie Fehlzitate können unter der Nutzung der oben benannten Suchmaschine schnell entlarvt werden. Man tippt sonst so viel in Google ein und es kostet wirklich nicht viel Zeit. Ich hatte das obige Zitat innerhalb von fünf Minuten hinreichend als Falschinformation belegt. Und das kann wirklich jeder!

Dies geht im Übrigen genauso gut mit ganz besonders reißerischen Meldungen und Schlagzeilen. Massenvergewaltigende, marodierende sudanesische Flüchtlinge in Castrop-Brauxel? Ist das so? Einmal in Google eingeben und schauen, was dabei rauskommt: Gibt es nur eine einzige Quelle zu diesem Thema und ist diese das gleiche randständige Nischenmedium, dessen Schlagzeile bereits über deinen Twitterfeed oder deine Facebook-Timeline nach Aufmerksamkeit geheischt hat? Vermutlich ist es dann zumindest eine Falschmeldung – oder als Clickbait aufgemacht und tatsächlich nicht so bedeutsam, wie die Headline vermuten lässt. Und ernsthaft:Wenn wir bei dem oben genannten Beispiel bleiben: Wenn keines der großen Nachrichtenmedien wie tagesschau.de, Spiegel Online, Zeit.de oder auch Springermedien wie Welt.de davon berichten und sich auch bei Reuters oder dpa nichts findet, dann empfiehlt es sich, misstrauisch zu bleiben und einige Stunden abzuwarten, bevor man einen solchen Beitrag weiter verteilt. Sollten dann nicht weitere seriöse Medien „auf den Zug“ aufgesprungen sein, ist eher von einer Falschmeldung auszugehen.

Im Zweifel hilft Geduld

Ein Beispiel hier sind die Ereignisse auf der „Schorndorfer Woche“ im Jahr 2017, wo zunächst von schweren Krawallen und sexuellen Übergriffen die Rede war, marodierende Ausländerbanden sollen nach ersten Meldungen durch die Stadt gezogen sein und für Angst und Schrecken gesorgt haben. So schreiben die Stuttgarter Nachrichten am 17.07.2017: Polizei und Stadt reagieren schockiert: „Die Polizei musste zahlreiche Einsatzkräfte aus anderen Landkreisen anfordern, um der Lage einigermaßen Herr zu werden.“ Laut der FAZ vom gleichen Tag, die sich auf Polizeikreise beruft, habe „[…] eine Gruppe von etwa 1000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen […] die Konfrontation mit der Polizei gesucht.“ Erinnerungen an die Silvesternacht in Köln werden beschworen, die FAZ fragt weiter: „Wütete also in der beschaulichen Geburtstadt Gottlieb Daimlers, umgeben von Weinbergen, ein „Einwanderer-Mob“?“ Tatsächlich, so vermitteln es Meldungen ab dem Folgetag, gab es vier Fälle sexueller Belästigung. Die Ausschreitungen wurden zudem völlig überbewertet, es gab im Rahmen einer Schülerfeier im Schlosspark zwei kleine Gruppen „[…] in niedriger zweistelliger Anzahl […]“ die zu später Stunde im Park gegeneinander vorgegangen seien. Erst Saufen, dann gibt es auf’s Maul. „Solche Dinge kämen bei Stadtfesten häufiger vor,“ zitiert der Spiegel Online (Link weiter vorn) den Schorndorfer Oberbürgermeister. Eine Zusammenfassung des örtlichen Zeitungsverlags unter dem Titel „Krawalle auf der SchoWo: Seriöse Einordnungen, bösartige Hetze“ stellt einen weiteren Tag später Klarheit her und ordnet die Vorfälle ein. Insbesondere für rechte Medien war der Vorfall trotzallem ein gefundenes Fressen. Die ganz besonders reißerische Meldung von Elsässers COMPACT sei hier hervorzuheben, die auch nachdem die Vorfälle eingeordnet wurden, nicht korrigiert oder ergänzt wurde und so immer noch als tatsächliche Fake News im Netz herumsteht – Teaser:

Es begann in Köln – doch mittlerweile hat der Sex-Dschihad auch kleine Ortschaften erreicht. Am vergangenen Wochenende fielen Fachkräfte und Goldstücke in der Stärke eines größeren Bataillons über die 40.000-Einwohner-Stadt Schorndorf in Baden-Württemberg her. 1.000 Mann marschierten beim Stadtfest und im Schlosspark auf. Andere lungerten mit Messern in den Straßen. Ihr Motto: deutsche Frauen gleich Freiwild, Polizisten gleich Punchingbälle.

Also: Bevor man Informationen teilt, sollte man im Zweifelsfalle etwas warten, ist man sich bezüglich deren Wahrheitsgehalt nicht ganz sicher. Tatsächlich muss man auch nicht alles teilen. Gerade bei emotional anregenden oder aufwühlenden Inhalten kann es Sinn machen mit der Verbreitung zu warten wenn die ratio zurückgekehrt ist. Apropos COMPACT:

Seriosität ist Trumpf!

Unseriöse oder falsch Informationsquellen sind nicht immer leicht zu erkennen. Zur „Steinzeit“ des Internets sahen unseriöse Quellen im Netz auch häufig dementsprechend aus: Schlecht zusammengenagelte Websites mit mieser Technik, fehlenden Informationen usw. Inzwischen kann man jedoch rein von der Optik und der Technik her kaum mehr auf die Seriosität des Angebots schließen. Insbesondere die großen Portale stellen sich in poliertem Design und technisch State-of-the-Art dar. Ob RT Deutsch, Compact, Epoch Times oder das amerikanische Newsportal Breitbart: Die Technik stimmt. Daher müssen andere Anhaltspunkte genutzt werden. Es existieren zum Beispiel einige Listen, an denen man sich orientieren könnte, um Quellen zu prüfen. So führt FPÖ Watch beispielsweise auf Medium Das ABC der unseriösen Quellen, die eine ständig aktualisierte Übersicht unseriöser Seiten im deutschsprachigen Raum bietet. Dabei begründet die Liste zu jedem einzelnen Eintrag auch, warum ein Blog, eine Nachrichtenseite oder ein Portal als unseriös bewertet werden. Eine weitere Auflistung findet sich auf meedia.de – diese stammt allerdings bereits aus dem Jahr 2016 und wurde wohl auch nicht mehr aktualisiert. Interessant dürfte in dieser Hinsicht auch das Projekt hoaxmap.org sein, dass Gerüchte und Falschnachrichten auf einer Karte darstellt und zu den jeweiligen Widerlegungen verlinkt.

Jenseits von Listen gibt es aber auch noch andere Möglichkeiten, die Seriosität einer Quelle festzustellen, wenn man auf bestimmte, grundliegende Kriterien achtet:

Der Ton macht die Musik…

Die Art und Weise, wie sprachliche Stilmittel und Sprache an sich verwendet werden, können bereits einiges über den Sprechenden – im Fall einer schriftlichen Information bzw. Meldung über den Schreibenden – verraten. Um das obige Zitat aus dem Artikel von COMPACT zu den Vorfällen in Schorndorf nochmals aufzugreifen: Begriffe wie „Sex-Dschihad“, oder „Fachkräfte und Goldstücke“ statt Migranten oder Asylbewerber o.ä. lassen deutlich eine abwertende Haltung von Seiten des Autors durchscheinen. Entsprechende Tendenzen finden sich – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – bereits in der Boulevardpresse wie beispielsweise Bild, dem schweizerischen Blick oder österreichischen Kronenzeitung. Nicht alle kommen allerdings sprachlich so klar und unverholen daher wie COMPACT. So titelte beispielsweise die „Junge Freiheit“ 2016: „Luxus-Asyl“: Flüchtlinge bekommen nagelneue Reihenhäuser. Wenn man den Artikel liest, stellt man dann fest, dass insgesamt 1000 Quadratmeter Fläche 50 Personen als zuhause dienen soll, was pro Person ungefähr 20 Quadratmetern entsprechen würde. Das ist sicherlich wesentlich mehr, als beispielsweise §23 FlüAG BW von 2013 minimal vorsieht, jedoch immer noch deutlich weniger als die durchschnittliche Wohnfläche, die die Deutschen im Durchschnitt zur Verfügung haben (bundesweit 42,7 Quadratmeter 2011, in 2017 scheint sich das nicht wesentlich geändert zu haben). Wenn man davon ausgeht, dass von den errechneten 20 Quadratmetern auch noch ein gewisser Anteil für gemeinschaftlich genutzte Räume abgezogen werden muss, dann ist es in jeder Hinsicht absurd, in diesem Zusammenhang von Luxus zu sprechen. Dies äußert auch der Investor, der die Reihenhäuser errichtet, welcher auch ergänzt: „Das sind alles junge Paare, junge Familien mit ein oder zwei Kindern, und das sind alles ganz anständige Leute.“ Im Artikel geht es dann aber so weiter, als würden nun von Seitens einer Flüchtlingsinitiative den Anwohnern Verhaltensvorschriften gemacht, auch wird „ein Einwohner“ mit den Worten zitiert, der Investor habe „[…] die Gemeinde über den Tisch gezogen.“ Hier sollen Ressentiments geschürt werden, allerdings nicht auf die Holzhammer-Methode, sondern sprachlich zumindest etwas subtiler: Hier werden zwei unterschiedliche Themen („Luxus-Asyl“ und „Verhaltensvorschriften“) vermischt, um den Eindruck zu erwecken, es würde versucht, Flüchtlingen ein Leben in Saus und Braus zu ermöglichen, während sich die Einheimischen deren kulturellen Gepflogenheiten unterzuordnen hätten. Schaut man die Kommentare unter dem Artikel an, so sieht man deutlich, dass diese Rechnung aufgegangen ist und die erwartete Wirkung erzielt wurde. Vom Aufbau her geht es hier nicht um Berichterstattung, sondern um eine Wirkung auf die Meinung des Lesenden bzw. eine Manipulation dieser.

Wer betreibt gleich diese Seite?

Ein großer Aha-Effekt kann auch dann entstehen, beschäftigt man sich kurz mit dem Hintergrund eines Nachrichtenportals. Wer beispielsweise den Wikipedia-Artikel zu RT Deutsch anschaut, kann bereits am Anfang des Artikels lesen, dass RT, ehemals Russia Today, ein „[…] seit dem Jahre 2005 existierender, vom russischen Staat finanzierter Auslandsfernsehsender mit nachrichtenorientiertem Programm mit Sitz in Moskau [ist]. Er wird zu den Kremlmedien gezählt.“ Außerdem: „Kritiker betrachten den Sender als Auslands-Propagandakanal des Präsidenten Putin.“ Man kann also bereits mit ganz einfachen Bordmitteln feststellen, dass einer solchen Quelle ein gewisses Misstrauen entgegengebracht werden sollte. Ähnliche Erhellung bringt eine kurze Betrachtung der Wikipedia-Seite von Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur des COMPACT-Magazins. Generell kann ein Blick auf die Liste der Autoren und Verantwortlichen, die auf einem Portal publizistisch tätig sind, einiges über den dort herrschenden Geist sagen. Kommt Sezession beispielsweise rein gestalterisch gesehen recht adrett daher, so machen Namen wie der des Gründers Götz Kubitschek oder des dort aktiven Martin Sellner, beide politisch rechts und mit der Identitären Bewegung und der Neuen Rechten assoziiert, klar, welcher Geist hier herrscht. Radikale, Fanatiker oder Fundamentalisten – egal aus welchem Lager – sind zwar nicht unbedingt in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit notorische Verbreiter von Unwahrheiten, neigen aber schon aus Haltungsgründen dazu, Ereignisse zu instrumentalisieren oder so zu interpretieren, dass sie dem eigenen Karren Vortrieb geben.

Mit besonderer Vorsicht zu sehen sind als Quellen auch solche Seiten, die beispielsweise keinen Ansprechpartner in den Kontaktdaten benennen und auch kein Impressum oder eine andere Form von Darstellung besitzen, aus der hervor geht, wer das Angebot betreibt.

Schema „F“ gegen groben Unfug

Wie man eine falsche Meldung erkennen kann, lässt sich am besten an einem aktuellen Beispiel durchspielen. Vor einigen Tagen erregte der Fall des Mehrfachmordes im bayerischen Gunzenhausen Aufsehen: Ein Familienvater hat – offensichtlich heimtückisch geplant – seine Frau und seine drei Kinder mit einem Messer erstochen. Es gibt einen besonders grausamen und brutalen Tathergang, der sich, wenn man die Vorgeschichte – wenn sie denn so stimmt – als tragische Zuspitzung eines heftigen Familiendramas beschreiben lässt. Nach wie vor gilt der Mann allerdings als Tatverdächtiger, es spricht aber vieles dafür, dass er die Tat auch tatsächlich begangen hat.

Betrachten wir was PI-News, das „politisch unkorrekte“ Nachrichtenportal in einem am 26.06.2018 verfassten Artikel daraus macht:

„Familiendrama endet in „Ehrenmord“ – Gunzenhausen: Migrant tötet drei Kinder und Ehefrau“

titelt das Portal, welches den Artikel in der Kategorie „Einwanderung“ einsortiert und dort in diverse Unterkategorien wie beispielsweise „Islamisierung Europas“. Und genau jetzt ist es Zeit, einen kurzen Moment innehalten und sich erste reflexive Fragen stellen:

  • Wer steckt hinter PI-News? Direkt auf der Seite lässt sich das nicht erfahren, denn PI-News hat kein Impressum und nennt auch sonst keinen Anprechpartner namentlich. Es gibt nur ein Kontaktformular ohne SSL. Auf der Wikipedia findet sich jedoch ein Eintrag zu PI-News: Es handelt sich dabei um ein 2004 gegründetes Blog, dessen Urheber ein gewisser Stefan Herre ist, wohl Lehrer aus Köln, dessen Blog ein Hort für Rechtspopulismus und Islamfeindlichkeit ist. Es bestehen Verflechtungen mit Pax Europa, einem rechtspopulistischen Verein der ursprünglich von Udo Ulfkotte gegründet worden war, einem bekannten Publizisten aus der rechten Ecke. Mit ein wenig Nutzung von Google und Wikipedia konnte also bereits einiges über die Seite, die diese Meldung veröffentlicht hat, herausgefunden werden.
  • Was sagt die Überschrift aus? Die Schlüsselwörter in der Überschrift sind „Ehrenmord“ und „Migrant“: Vergleicht man mit anderen Medien, so muss man zunächst einmal feststellen, dass der noch im Krankenhaus befindliche Familienvater sich bisher nicht zur Tat geäußert hat (Stand 29.06.2018, z. B. hier, hier oder hier). Daher hat die Aussage, es handle sich bei der Tat um einen „Ehrenmord“ keine Substanz. Weiterhin handelt es sich bei dem tatverdächtigen Mann nicht um einen typischen Migranten, sondern offenbar um einen Russlanddeutschen bzw. Aussiedler (mit Wurzeln in Kasachstan), wie auch der Artikel von PI-News selbst später bestätigt. Der Mann war also sicherlich kein Deutscher von „reinem Geblüt“, aber auch kein Migrant in dem Sinne, wie es  die Eingruppierung der Nachricht in „Einwanderung“ und „Islamisierung Europas“ suggeriert. Um zu dieser Erkenntnus zu gelangen benötigt man nur wenige Minuten mit Google und ein wenig Querlesen.

Bevor der Artikel vollständig gelesen wurde kann also bereits die Feststellung getroffen werden, dass der Quelle bzw. der Herausgeber gegenüber durchaus Mißtrauen angebracht ist, da diese deutlich für eine bestimmte Ideologie steht, die durch radikale Positionen geprägt ist. Dabei ist nochmals – auch wenn es sich bei PI-News um eine Plattform aus dem rechtpopulistischen Dunstkreis handelt – darauf hinzu weisen, dass es auch aus anderen, radikalen, fundamentalistischen oder fanatischen Denkrichtungen Tendenzen gibt, Nachrichten für den eigenen Zweck entsprechend umzudeuten. Fundamental-radikale Kreise neigen womöglich eher dazu, Informationen in ihrem Sinne zu interpretieren und „umzudeuten“, unabhängig ob es sich um Rechts- oder Linksradikale handelt, fundamentalistische Umweltschützer oder islamistische Fanatiker.

Weiterhin kann festgestellt werden, dass die Überschrift mit dem Wort „Ehrenmord“ einen belasteten Begriff verwendet und ein Tatmotiv antizipiert – und das bevor der Tatverdächtige überhaupt Vernehmungsfähig war. Genauso ist der Begriff Migrant in diesem Fall nicht zutreffend. Einhergehend mit der Kategorisierung der Meldung kann bereits nur anhand der Prüfung der Überschrift festgestellt werden, dass hier der Leser in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll.

Was lässt sich nun weiterhin feststellen, wenn man die Meldung zu Ende liest?

  • „Der 31-jährige mutmaßliche Täter wurde auf die Intensivstation gebracht und schwebt noch in Lebensgefahr […]. Der Steuer- und Krankenkassenbeitragszahler wird für seine baldige Genesung sorgen.“ Laut der Aussage verschiedener Medienberichte war der Tatverdächtige wohl Arbeiter (siehe hier oder hier). Daher ist zu vermuten, dass er selbst Steuer- und Krankenkassenbeiträge geleistet hat. Die Aussage ist ganz klar tendenziös und tut zunächst einmal hinsichtlich der Berichterstattung nichts zur Sache.
  • „Noch sind die genauen Hintergründe des Dramas im Altmühltal unklar. Welche brutalen Szenen sich zuvor in der Wohnung des neunstöckigen Mehrfamilienhauses im „Morgengrauen“ abgespielt haben, ist noch unklar, folgt aber einem PI-NEWS-Lesern hinlänglich bekannten Tatmuster [sic!, Link durch mich entfernt].“ Richtig. Der Hintergrund ist noch unklar. Aber der Tathergang folgt ja einem „hinlänglich bekannten Tatmuster“ also scheint ja zumindest für PI-News und deren Leserschaft (so unterstellt es der Satz ja) doch schon alles klar zu sein.
  • „Masseneinwanderung ist bekanntlich Messereinwanderung!“ Mit diesem Satz schließt der Artikel von PI-News. Dieser Satz ist ein Zitat des AfD-Abgeordneten Gottfried Curio und gibt auch eine allgemeine Position der AfD wieder, die unter diesem „Motto“ eine „Karte des Schreckens“ abbildet. Damit positioniert sich der Artikel ganz klar auf Seiten eines politischen Akteurs, obwohl gar nicht so klar ist, welche Nationalität der Täter in diesem Fall tatsächlich hat. Als Aussiedler ist es durchaus plausibel, dass er bereits eine deutsche Staatsbürgerschaft hat und von seinen Wurzeln her deutschstämmig ist (im Prinzip ist ja Grundlage für diese Bezeichung, dass man „deutscher Volksangehöriger“ ist). Die bpb schreibt: „Die Aussiedler gibt es allerdings nicht: es handelt sich um eine rechtlich definierte Kategorie, in der Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen aus so unterschiedlichen Ländern wie Polen, Rumänien, Jugoslawien, der früheren ČSSR und der ehemaligen Sowjetunion erfasst wurden. Was sie gemeinsam haben ist, dass […] sie dort in den meisten Fällen als Deutsche galten und sich auch selber so sahen. Aus diesem Grund fanden sie nach ihrer Ausreise in Deutschland auch eine privilegierte Aufnahme, mit unmittelbarem Zugang zur deutschen Staatsangehörigkeit und aktiver Integrationshilfe in Form von Sprachkursen und Finanzhilfen durch den Staat (Link siehe weiter vorn, unter „deutscher Volksangehöriger“).“ Masseneinwandernde Messermigranten. Mhm.

Der Artikel von PI-News folgt einem recht einfachen Muster: Man nehme eine wahre Geschichte, in diesem Beispiel das furchtbare Familiendrama von Gunzenhausen dass – da kann man sich vermutlich einig sein – unabhängig von der Gesinnung, einen ganz besonders brutalen und tragischen Verlauf genommen hatte. Man statte die dazugehörige Meldung, die man aus einem Presseportal oder von einer Nachrichtenagentur gesaugt hat, mit einer Überschrift aus,  die Schlagwörter enthält, die bei der Zielgruppe Empörung hervorrufen und die die „eigene Idee“ transportieren: In diesem Fall Islamfeindlichkeit und Ablehnung von Migration. Beides Themen, mit denen die eigentliche Meldung nichts zu tun hat, die jetzt ideologisch angereichert wird. Im Artikel wird der bereits „angezündete“ Leser weiter aufgestachelt: wir Beitragszahler müssen blechen, dass dieser Mordbrenner zusammengeflickt wird, unerhört! Zu dumm, dass wir in einem Land leben, in dem man auch die Mörder nicht so einfach auf der Straße verrecken lässt… Man spickt den Artikel noch mit ein wenig „wir wissen ja, was geschehen ist“ und bekannten Positionen aus dem eigenen ideologischen Spektrum („Messereinwanderung“) und fertig ist der übelriechende Buchstabengesinnungsbrei. Möchte man diesen seinen Freunden und Followern zum auslöffeln anbieten? Ich glaube nicht.

Mind the bubble!

Das oben angeführte Beispiel einer manipulierten Nachricht ist für mich recht einfach zu erkennen, befindet sich doch ein Portal wie PI-News für gewöhnlich außerhalb meines Wahrnehmungsspektrums. Ich selbst würde mich als außerhalb der Sphäre rechstpopulistischer Haltungen bezeichnen und habe in diesem Fall die komfortable Position, „von außen“ auf eine Meldung zu schauen und sie nüchtern analysieren zu können. Das wird dann anders, wenn Falschmeldungen oder Manipulationsversuche innerhalb meiner „Blase“ auftreten. Der Begriff der Filterblase oder Echokammer wurde von Eli Pariser geprägt und bezieht sich auf das Phänomen, dass insbesondere soziale Medien wie Facebook oder Twitter sowie Suchmaschinen wie Google mit Hilfe von Algorithmen den Benutzern vor allem die Nachrichten und Meldungen anzeigen, die am ehesten den Sichtweisen des jeweiligen Nutzers entsprechen. Dadurch wird im Prinzip das eigene Weltbild bedient, während andere Ansichten kaum abgebbildet werden: Ich sehe, was das Medium meint, was ich sehen will. Sicher – im Printbereich würde ich mir jetzt auch nicht die COMPACT oder Tichys Einblick kaufen. Aber ich sehe sie zumindest im Kiosk, lese den Titel und kann sie vielleicht auch in die Hand nehmen und reinschauen, wenn ich das will. Im Netz bekomme ich diese Dinge in der Regel nicht angeboten: außer z. B. im Rahmen von Übermedien, meedia oder dem BILDblog. Aber auch hier sind die Meldungen bereits von der Metaebene her aufbereitet und reflektiert. Das heißt, Gegenpositionen zur eigenen Haltung muss man sich bewusst suchen; und nicht alles, was der eigenen Haltung widerspricht, ist automatisch gleich Bullshit. Und was die beispielhafte Meldung von PI-News angeht: Jemand, der sich sprachlich in diesen Regionen bewegt und eine ablehnende Haltung gegenüber Migration und dem Islam hegt, wird sich vermutlich schwerer tun, die Nachricht als das, was sie ist, zu entlarven.

Zusammengefasst

Kurz & bündig

Man kann also in folgenden vier Schritten vorgehen, um einem potentiellen „Fake“ auf die Spruch zu kommen:

  • Wer steht hinter dem Inhalt? Ein Klick auf das Impressum gibt erste Erkenntnisse. Gibt es keines oder enthält es seltsame Daten, könnte dies ein erstes Indiz sein, das zumindest auf eine gewisse Fragwürdigkeit eines Inhalts hinweisen könnte.
  • Ist die Sprache tendenziös? Werden abwertende oder be-/verurteilende Worte verwendet? Auch seriöse Inhalte können durchaus eine Haltung oder Meinung wiederspiegeln, vermeiden jedoch einen beleidigenden, herabwürdigenden oder verurteilenden Ton.
  • Sind Überschrift und Inhalt kohärent oder verspricht der Titel etwas, was der Inhalt hinterher nicht halten kann? Wird ein Thema „aufgebläht“ welches unter halbwegs vernünftiger Betrachtung kaum einer Randnotiz wert wäre, oder ist das berichtende Portal möglicherweise die einzige Quelle für diese Nachricht und wird diese von anderen Medien nicht aufgegriffen? Dann könnte es sein, dass mit dem Inhalt etwas nicht stimmt…
  • Behandeln alle anderen Medien das Thema komplett anders, oder wird dieses nur in „einschlägigen Quellen“ so behandelt (siehe z. B. Liste oben)? Wenn viele der anderen Quellen rational eine Haltung oder ein Bild eines Themas zeichnen, dass in fast jeder Hinsicht von einer einzelnen Darstellung abweicht oder es bereits einen Konsens zu einem Vorgang gibt, der durch viele Quellen entsprechend belegt ist und naheliegt.

Eine andere Haltung als die eigene mag einem nicht immer gefallen; dennoch ist sie nur dadurch, dass sie dem eigenen Weltbild widerspricht, noch lange nicht Fake News (auch wenn es ein bestimmter Präsident gerne so tituliert). Es empfiehlt sich zudem grundsätzlich, auch regelmäßig bei Themen, die einen Interessieren, über den eigenen „Gartenzaun“ zu schauen, beispielsweise indem man Suchmaschinen verwendet, die nicht tracken (empfehlenswert: DuckDuckGo) und Meldungen z. B. direkt über die großen Medienportale liest. Oder ab und an den Bahnhofskiosk aufsucht.

Anmerkung: In diesem Beitrag habe ich einige Links angebracht, die zu aus meiner Sicht fragwürdigen Internetseiten führen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich eine Verlinkung durchführe, weil mir eigentlich nicht daran gelegen ist, den Betreibern dieser Seiten Traffic zu bescheren. Ich bin aber der Auffassung, dass man wissen sollte, wie die (rechts-)populistische Seite des Internets tickt. Ich nenne diese Seiten allerdings nicht zusätzlich unter „Quellen und mehr“.

Quellen und mehr

Statistik und Co.

Spezielle Projekte

Studien und Berichte

Meldungen und Artikel

Die mit * gekennzeichneten Quellen entsprechen formal nicht den Anforderungen an eine seriösen Quelle, da wichtige Informationen über den Urheber fehlen. Relativiert wird dies jedoch durch die Hinterlegung des Geschriebenen mit entsprechenden Quelleninformationen, die eine Nachvollziehbarkeit ermöglichen.

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