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Soziale Berufe – gewachsen wenig Anerkennung

Ich erinnere mich noch, als ich vor über zwanzig Jahren eine schwere schulische Krise zu überstehen hatte und damals mit dem Gedanken spielte, die Schule vorzeitig – „nur“ mit einem Realschulabschluss – zu beenden und eine berufliche Laufbahn als Erzieher einzuschlagen. Es waren die frühen 90er Jahre des letzten Jahrhunderts und die brave Schwesternschaft, bei der ich meine Ausbildung hätte machen können, hätte mich, wie man so schön sagt, mit Handkuss genommen: Einen Mann – etwas ganz Besonderes im Bereich der Kindererziehung zum damaligen Zeitpunkt. Andere Stimmen überzeugten mich jedoch, mein Abitur doch zu machen: Ein Mann muss eine Familie ernähren können. Erzieher geht da nun wirklich nicht. Richtige Männer werden Ingenieure oder Wirtschaftskapitäne.

Mittlerweile habe auch ich das Trauma Abitur bereits seit zwei Jahrzehnten hinter mir gelassen. Und inzwischen habe ich auch einen sozialen Beruf ergriffen, soziale Arbeit an einer dualen Hochschule studiert und einen Mastergrad in angewandter Ethik im Sozial- und Gesundheitswesen erworben. Ich war in der heilpädagogischen Förderung tätig, leitete eine geschlossene Wohngruppe, schnupperte in den gerontopsychiatrischen Bereich hinein und hatte, wenn ich von meiner jetzigen Position aus auf die letzten Jahre zurückblicke,  die meisten meiner Berufsjahre im Schichtbetrieb erledigt. Die Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren überwiegend Frauen (und sind es immer noch) und die Bezahlung war immer durch die Bank weg schlecht – verglichen mit dem, was in der freien Wirtschaft verdient wurde. Während die Boni meiner Bekannten in der Privatwirtschaft hoch und vierstellig sind, ist meine „Leistungszulage“ nach dem TVÖD niedrig und dreistellig. Ein inzwischen verstorbener, lieber Kommilitone, der bei einem Pharmaunternehmen tätig war, fragte mich einmal, warum man sich so etwas im sozialen Bereich überhaupt gefallen lassen würde – er würde jedenfalls für ein derartiges Gehalt nicht arbeiten wollen. Ich zuckte nur mit den Schultern.

Um zu verstehen, warum soziale Arbeit – und das schließt Pflege und Erziehung mit ein – einen recht schweren Stand hat und von der Akzeptanz her so weit unter anderen Dienstleistungs- und Produktionsberufen steht muss man vorn anfangen – ganz vorn.

Historisch gesehen

Armenpflege und Almosen

Wenn wir historisch ganz weit zurück schauen, so fällt auf, dass es in der Geschichte der Menschheit kaum Spuren von professionellen Pflegekräften oder Sozialarbeitern gibt. Die Höhlenmalerei in Lacaux zeigt keine soziale Arbeit, auch im Mittelalter scheint selbige keine Rolle zu spielen. Aus religiöser Sicht spielten die „sieben Werke der Barmherzigkeit“ eine wichtige Rolle für den gläubigen Christenmenschen im Mittelalter – auf dieser Basis wurden Armenspeisungen durchgeführt oder Stiftungen getätigt. Der Arme war Bestandteil eines festen gesellschaftlichen Gefüges und bot den anderen, die so barmherzig sein konnten, einen Weg ins Himmelreich. Bereits ab dem 14. Jahrhundert gab es zahlreiche Armenhäuser, im ausgehenden Mittelalter wude die Armenfürsorge in städtischen Spitaleinrichtungen konzentriert.

War also die Armenpflege bis zum Ende des Mittelalters eine Aufgabe der christlichen Caritas und des gläubigen, christlichen Gemeinwesens, das vor allem das eigene Seelenheil absichern wollte, so waren Pflege und Erziehung Aufgaben, die in der Familie erledigt wurden. Während der Vater die Erziehung der Söhne übernahm, trug die Mutter dafür Sorge, dass die Töchter zu „rechten Ehefrauen“ heranwuchsen. Dabei schien wohl auch die Züchtigung mit der Rute ein zentrales, pädagogisches Instrument gewesen zu sein. Eine Schulfplicht entstand erstmals im 19. Jahrhundert mit dem preussischen Regulativ (siehe hierzu auch meinen Beitrag zur Kinderarbeit). Im Mittelalter war Schulbildung stark mit dem Christentum verbunden, es gab zunächst ausschließlich kirchliche Schulen. Ziel dieser Schulen war vor allem eine klerikale Ausbildung: Der Untericht erfolgte frontal und Züchtigung war Bestandteil des selbigen.

Die Pflege Kranker im Haushalt war vom Mittelalter an bis in die Neuzeit eine Angelegenheit der Frauen in der Familie (pdf). Bei entsprechendem Wohlstand wurde die Herrin des Hauses durch Bedienstete – beispielsweise Mägde – unterstützt.

Ab dem 13. Jahrhundert verschiebt sich die Bedeutung des Armutsbegriffs. War die Rolle der Armen zuvor unverrückbar in der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung zementiert, so wurde Armut mit zunehmender Kapitalisierung zur ökonomoischen Kategorie (pdf): Armut wird Resultat individueller Schuld – alle Menschen, ob krank oder alt, sind gleichermaßen zur Arbeit verpflichtet. Die Verteilung von Almosen wird zunehmend systematisiert und es entstehend erste Grundlagen für eine kommnuale Sozialverwaltung, wenngleich Kirchen und Stiftungen weiterhin eine Rolle spielen.

Geschichtlich gesehen waren also Pflege, Erziehung und soziale Arbeit Tätigkeiten, die nicht an bestimmte Professionen gebunden waren. Die Versorgung der Alten und der Kinder war bis in die Neuzeit vor allem Aufgabe der Frauen in den Familien, während die zunächst caritative Versorgung der Armen und Bedürftigen mit dem ausgehenden Mittelalter zunehmend kommunale Aufgabe wurde. Bis hierhin sind eigenständige Professionen kaum sichtbar: In christliche Spitälern wirkten Ordensmitglieder und bzw. oder barmherzig gesinnte Männer und Frauen. Allerdings gibt es in der Medizin bereits unterschiedliche Dienstleister, von der „weisen“ Frau über den Bader hin zum gebildeten Arzt oder Medicus. Aber Sozialarbeiter*innen, Pflegefachkräfte oder Erzieher*innen sind auf weiter Flur noch nicht zu sehen.

Die Soziale Frage und die Professionalisierung

Die Professionalisierung der sozialen Berufe (bzw. deren eigentliche Entstehung im Sinne von eigenen Berufsbildern) begann im ausgehenden 19. Jahrhundert und hing sicherlich mit der fortschreitenden Säkularisierung, beginnenden sozialstaatlichen Bemühungen und der Industrialisierung zusammen. Die Begründung der modernen Krankenpflege ist eng verbunden mit dem Namen Florence Nightingale, einer britischen Krankenschwester. Krankenpflegeschulen werden gegründet, unter anderem die „Nightingale School of Nursing“ durch Florence Nightingale selbst. Liliane Juchli spricht hier vom „Jahrhundert der Berufskrankenpflege“, und von einem Pflegeverständnis, dass vor allem auf Intuition und wenig Eigenbewusstsein fusst – motiviert vor allem aus Fürsorge und Nächstenliebe. Nach dem 2. Weltkrieg schreitet die Professionalisierung der Pflege stetig fort, die Zahl der Pflegemodelle wächst ab 1960 an: Pflegeabläufe werden vereinheitlicht, ab den 1980er Jahren spielen Werte wie Eigenständigkeit, Ganzheitlichkeit, Interdisziplinarität und Gesundheit eine wichtige Rolle. In den Pflegewissenschaften wird geforscht und eigenständige Pflegetheorien entstehen (jenseits der Orientierung an den Medizinern). Bei Juchli finden sich auch einige Definitionen zur Gesundheits- und Krankenpflege, die den Wandel des Verständnisses von Pflege ganz gut illustrieren: So vertrat Florence Nightingale 1860 die Auffassung, „[…] daß [sic!] jede Frau zu irgendeiner Zeit eine Krankenschwester wäre, insofern als die Krankenpflege in der Verantwortung für die Gesundheit des Menschen steht. (zitiert nach Juchli 1994)“. M.E. Rogers beschreibt nach Juchli in den 1970er und 80er Jahren „[…] Krankenpflege als eine „humanistische Wissenschaft, die der mitfühlenden Sorge zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit, dem Verhindern von Krankheit und der Pflege und Wiederherstellung der Kranken und Behinderten gewidmet ist“.“ Weitergehend finden sich Ansätze zur Professionalisierung und zum Menschenbild in der Pflege – kurz: in den knapp unter 160 Jahren seit der Aussage Nightingales hat sich der Pflegeberuf rasant weiterentwickelt.

Die Soziale Arbeit begann ihre Professionalisierung zu einem ähnlichen Zeitpunkt. In den 1880er Jahren wird der Begriff des „friendly visitors“ vor allem in den USA geprägt: Der „freundliche Besucher“ ist in der Regel weiblich und besucht die Bedürftigen zumeist in deren Wohnungen. Dabei soll auf die Armen positiv eingewirkt werden, um deren Lebensbedingungen zu verbessern. Dabei wurden bereits damals Zusammenhänge zwischen der elterlichen Erziehung der Kinder in armen Haushalten und der Entwicklung selbiger erkannt. Marian Putnam schrieb bereits 1887:

„We constantly hear it said that we cannot help the older ones, but that we must save the children. It seems clear to me that to help one without the other is usually an impossible task. Their interests are too closely bound together. (zitiert aus dem unter „friendly visitors“ verlinkten Artikel)“

Eine wichtige Rolle bei der Professionalisierung der sozialen Arbeit spielte Mary Ellen Richmond, die zunächst als Schatzmeisterin der „Charity Organization Society (pdf)“ 1889 begann und diese ab 1893 leitete. 1898 eröffnete in New York die erste Schule, die auf Basis einer Art Lehrplan von Richmond lehrte um Helfern die Qualifikation für das „friendly visiting“ zu vermitteln – das wohlgemerkt zu dieser Zeit auf ehrenamtlicher Basis erfolgte. Ihr 1917 veröffentlichtes Werk „Social Diagnosis“ hatte nachhaltigen internationalen Einfluss auf die soziale Arbeit und deren Lehre.

In Deutschland entstand zu jener Zeit als Ansatz der Armenfürsorge das sogenannte Elberfelder System ab 1852, basierend auf der Elberfelder Armenordnung: Diese entstand in den Städten Elberfeld und Barmen, beides damals Textilstädte und Kommunen, in denen die Industrialisierung bereits früh begann. Wesentliche Grundlagen des Elberfelder Systems nwaren Dezentralisierung, Individualisierung und Ehrenamtlichkeit. Gewählte, ehrenamtliche „Armenpfleger“ betreuten Arme in einem jeweils eingegrenzten Quartier und überprüften vor Ort deren Verhältnisse, nahmen Hilfeanträge der Bedürftigen an und brachten diese in eine Bezirksversammlung (je 15 Armenpfleger bildeten einen „Armenbezirk“) ein. Dabei galt der Grundsatz, dass ein Armenpfleger für maximal jeweils vier Familien zuständig sein sollte. Seine Tätigkeit und den Kontakt zu „seinen“ Bedürftigen gestaltete der Armenpfleger selbständig. Wer sich ein wenig mit Sozialarbeit auskennt, erkennt hier deutliche Grundzüge des Case- bzw. Fallmanagements sowie sozialraum-/gemeinwesenorientierte soziale Arbeit. Das System diente vielen anderen Kommunen als Vorbild. Hauptberufliche Armenpfleger gab es allerdings erst knapp 50 Jahre später, mit dem Straßburger System, das sich um 1907 als Weiterentwicklung des Elberfelder Systems durch eine notwendig gewordene Professionalisierung auszeichnete. In diesem Zuge entwickelte sich auch eine Trennung zwischen Innen- und Außendienst, Hilfeanträge wurden direkt bei einer Zentralstelle der Verwaltung gestellt. Ab 1907 wurde durch den neu gegründeten Deutschen Verein der Sozialberuf herbeigeführt – Die Ausbildung hauptberuflicher Armenpfleger erfolgte an neu gegründeten, sozialen Frauenschulen (ausführlich zu diesem Absatz: Deutscher Verein 1997, S. 257, 932).

Man könnte nun noch weiter in die Tiefe gehen und die Professionalisierung der sozialen Arbeit und Pflege vertiefen. Sicherlich gäbe es noch viel über für die Entwicklung der sozialen Arbeit bedeutsame Persönlichkeiten wie Alice Salomon zu sagen. Auch wurde bisher noch nichts über einen dritten, wichtigen Berufszweig bei den sozialen Berufen, die Heilpädagogik und die heutigen, darauf basierenden Berufsbildern des Heilerziehungspflegers oder Heilpädagogen gesagt. So ist beispielsweise die erste Professur in der Heilpädagogik in Europa 1931 in Zürich geschaffen worden, mit Heinrich Hanselmann als erstem Inhaber dieses Lehrstuhls und Mitbegründer des Heilpädagogischen Seminars, ebenfalls in Zürich. Der Begriff Heilpädagogik selbst ist älter und wurde vermutlich 1861 erstmals verwendet, wobei es bereits im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung Ideen zu einer „heilenden Erziehung“ gab (ausführlicher dazu: Haeberlin 2005, S. 11f, S. 21ff).

Man könnte also, grob zusammengefasst feststellen, dass die Professionalisierung in den sozialen Berufen in ihren Grundzügen im ausklingenden 19. Jahrhundert begann und sich im Laufe des 20. Jahrhunderts weiterentwickelte. Weiterhin waren die sozialen Berufe vor allem Frauenberufe und zumindest bis ins frühe 20. Jahrhundert vor allem ehrenamtliche Tätigkeiten. Krankenschwestern waren auch häufig noch im 20. Jahrhundert tasächlich Ordensschwestern, im evanglisch-diakonischen Bereich bekannt sind beispielsweise die Kaiserwerther Diakonissen: Sie erhielten für ihre persönlichen Bedürfnisse ein Taschengeld, wurden aber durch das diakonische Werk versorgt – einschließlich Ruhestand. Ähnliches gab es auch im katholischen Ordenswesen – in Stuttgart gab es beispielsweise die Veronika-Klinik, die von katholischen Krankenschwestern gegründet wurde und bis in die späten 1980er Jahre eine Krankenpflegeschule betrieb, bis sie im Marienhospital aufging. Ich kann mich noch gut an einen Termin in einer klösterlichen Einrichtung im Schwarzwald erinnern, wo mir die Leitung der dortigen Schule bei der Führung erzählte, dass dort, nachdem die letzten Ordenschwestern in den Ruhestand gegangen waren, deren Stellen jeweils mit über 200% regulärem Vollzeitanteil neu berechnet wurden. Die Schwestern waren wohl häufig Tag und Nacht vor Ort oder hatten Zimmer direkt an den Pflegebereich angegliedert. Soziale Arbeit und Pflege waren also noch im 20. Jahrhundert häufig ehrenamtlich oder caritativ-wohltätig.

Sozial arbeiten im 21. Jahrhundert

Steigender Bedarf an Pflege und sozialer Arbeit

Inzwischen hat sich jedoch die Gesellschaft immer weiter verändert. In den unterschiedlichsten Lebensentwürfen gibt es viele unterschiedliche Konzepte von Familie, die Zahl der Patchworkfamilien nimmt zu und jede fünfte Familie ist inzwischen alleinerziehend (pdf). Desweiteren steigt die Anzahl der Single-Haushalte in Deutschland seit den letzten 20 Jahren und stellt einen „Trend“ in Nordeuropa dar. Zudem werden die Deutschen aufgrund des demografischen Wandels immer älter, 2015 betrug das Durchschnittsalter in Deutschland 45,9 Jahre. Besonders hart betroffen davon sind die strukturell schwächeren Gebiete Deutschlands, wo die Wirtschaft schwach und die (Hoch-)schulstandorte dünn gesät sind. Je nach Zuwanderung und Entwicklung der Geburtenrate wird für 2060 ein Durchschnittsalter von 47,6 bis 50,6 Jahre prognostiziert – je nach Szenario kann dann der Anteil der über 65-jährigen bis zu 34% der Gesamtbevölkerung ausmachen (hierzu gibt es ein Onlinetool bei DEStatis, mit dem man die Bevölkerungspyramide unter Berücksichtigung unterschiedlicher Entwicklungsszenarien berechnen lassen kann).

Der demografische Wandel wird für die Pflege in jedem Fall eine besondere Herausforderung darstellen. Denn mit dem Wandel der Familie und der zunehmenden Anzahl hochaltriger Menschen (Die Lebenserwartung steigt ja weiterhin an) wird davon auszugehen sein, dass die Bedeutung der professionellen Alten- und Krankenpflege zunehmen wird; Ein alternder Singlehaushalt wird sich nur schwer aus sich selbst heraus pflegen können.

Was die frühkindliche Erziehung angeht, so besteht bereits seit August 2013 ein Rechtsanspruch auf Förderung in Tageseinrichtungen der Kindertagespflege auch für Kinder unter drei Jahren. Laut den Zahlen des IW Köln vom 10.02.2018 fehlen nach wie vor (wie bereits schon im Mai 2017 festgestellt – siehe z. B. die SZ vom 17.05.2017 bezugnehmend auf das IW) fast 300000 Plätze für U3-Kinder. Oftmals gibt es strukturelle Schwierigkeiten, zunehmend fehlen aber auch ausgebildete Erzieher*innen, um den wachsenden Bedarf abzudecken. So berichtete die Stuttgarter Zeitung am 15.02.2018 von einer Kita in Stuttgart, der aufgrund des Mangels an Fachkräften die Einschränkung der Öffnungszeiten droht. Das dies kein Einzelfall ist, belegt ein ganz aktueller Beitrag der Tagesschau, der feststellt, dass es offensichtlich schneller geht, neue Kitas zu bauen, als die Erzieher*innen auszubilden, die nötig sind um diese zu besetzen. Einerseits scheint es so zu sein, dass in der Politik wohl keiner damit gerechnet hat, dass durch den 2013 festgeschriebenen Rechtsanspruch sich eine Steigerung der Geburtenrate ergeben könnte und andererseits mit der geringen Bezahlung und den schlechten Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten in jenem Beruf in Konjunktion mit den hohen und weiter wachsenden Anforderungen kaum genügend Personen gewonnen werden können, die sich auf eine Ausbildung in jenem Berufsfeld einlassen wollen. Bereits 2014 schreibt die Bertelsmann Stiftung, dass, würde man ihrer Empfehlung zu einem Schlüssel von 1:3 bei unter Dreijährigen folgen, 120000 zusätzliche Erzieher*innen alleine in diesem Bereich bundesweit erforderlich wären. Eine Studie des Forschungsverbunds Deutsches Jugendinstitut und Technische Universität Dortmund (pdf) sieht außer der Steigerung der Geburtenrate noch zusätzlich Auswirkungen durch die Zuwanderung insbesondere ab 2015, wodurch sich der Bedarf nach Kinderbetreuung stark erhöht hat. In den Prognosen für das Jahr 2025 geht die Studie im „bestmöglichsten“ Szenario (aufgrund demografischer Veränderungen und bei absehbarem Personalbedarf, z. B. aufgrund von ausscheidendem Personal im Rentenalter) von 205000 – 213000 notwendigen Fachkräften in Kitas und Hort aus. Möchte man nicht erfüllte Elternwünsche berücksichtigen und im Rahmen der Qualitätsentwicklung den Personalschlüssel verbessern, so käme man auf einen Personalbedarf von 509000 – 583000 Erzieher*innen. Würde beim ersten Szenario vermutlich keine relevante Lücke beim Personal entstehen (die Studie geht von ca. 274000 neu ausgebildeten Fachkräften bis 2025 aus), so gäbe es im zweitgenannten Fall – Elternwünsche und besserer Personalschlüssel – ein Defizit von 235000 bis 309000 Fachkräften. Wenn man also den Status Quo erhalten möchte und die Zahl der Auszubildenden nicht zurückgeht, könnte es bis 2025 klappen. Qualitätsoffensiven wären dann aber nicht drin (wie z. B. hier Ende 2016 angekündigt oder einer Hintergrundmeldung des BMFSFJ Mitte 2016. Laut einem Artikel des Tagesspiegels vom 28.08.2017 plädierte die damalige Ministerin Barley für eine Qualitätsoffensive und konstatiert, dass ein wachsender Anteil von Betreuungskräften mit Hochschulabschluss politisch gewollt wäre, damit Kitas zu „echten Bildungseinrichtungen“ werden).

In den anderen, nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Arbeitsfeldern der Sozialberufe sieht es nicht unbedingt viel besser aus. An einem Fachtag des BeB (Bundesverband evangelische Behindertenhilfe) in Nürtingen zum Thema Nachwuchsgewinnung und Personalmanagement (pdf) 2011 wurde festgestellt, dass Ansätze des Fachkräftemängels bereits hier zu spüren seien – bei der Gewinnung von Nachwuchs habe die Behindertenhilfe allerdings noch einen Vorteil hinsichtlich des Images, der Entlohnung und der Arbeitsbedingungen. Problematisch wird es dann, wenn in Organisationen der Sozialwirtschaft versucht wird, dem Fachkräftemangel mit Reduktion der Qualität zu begegnen, indem man Personen mit randständiger bzw. inadäquater Qualifikation anstellt. Wer selbst schon mal in diesem Bereich für die Erfüllung des ordentlichen Dienstbetriebs im Schichtsystem verantwortlich war, kennt vielleicht das Problem: Durch Krankenstand oder kurzfristige Fluktuation fällt Personal aus. Oft kommt beides – Krankenstand und Fluktuation – ungünstig zusammen, und es bedarf möglichst schnell passenden Ersatzes, um weiterhin sinnvoll arbeiten zu können. Wenn dieser Ersatz nicht schnell gefunden wird, steigt die Belastung des Teams, dass ja trotzdem die Dienste (die Klienten werden ja aufgrund Personalausfalls nicht weniger) abdecken muss, ganz schnell immens. Und irgendwann kommt dann auch der Punkt an dem man Kompromisse macht. 2014 vermeldete die bischöfliche Pressestelle der Diözese Münster, dass sich die Caritas in Nordrhein-Westfalen auf einen zunehmenden Fach- und Führungskräftemangel einstellen würde. Nach einem Artikel der SZ vom 10.06.2016 kamen damals schon auf 100 arbeitssuchende Sozialarbeiter ungefähr 500 freie Stellen.

Wachsende berufliche Anforderungen bei niedrigen Benefits

Dazu, dass offenkundig weit mehr Stellen offen sind als es geeignete Fachkräfte gibt – wobei die Altenpflege und der Bereich Kindergärten/Kindertagesstätten am meisten betroffen sind – kommen zunehmende Anforderungen an die sozialen Berufe. Stand bis in die späten 1990er Jahre häufig noch vor allem die praktische fachliche Arbeit mit oder am Menschen im Vordergrund bei den Sozialberufen, so hat sich dies mehr und mehr geändert. Im Rahmen der Qualitätsdebatte sind umfangreiche Dokumentationstätigkeiten notwendig geworden, in Kindergärten gibt es Rahmen- und Orientierungspläne deren Ziele verbindlichen Charakter aufweisen.

Mit dem neuen Bundesteilhabegesetz (pdf), das 2016 beschlossen wurde und seit dem 01.01.2017 stufenweise in Kraft tritt (pdf), wird ein neuer Behinderungsbegriff eingeführt und die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung grundliegend reformiert – auch mit Folgen für die Arbeit der Fachkräfte vor Ort. Auch im Rahmen der Pflege gab es durch die Pflegestärkungsgesetze I – III in den letzten Jahren fundamentale Veränderungen: Der Pflegebedürftigkeitsbegriff wurde neu definiert. Seit dem 01.01.2017 ist Selbständigkeit Maßstab für die Pflegebedürftigkeit, das neue Begutachtungsinstrument bildet nun auch kognitive, kommunikative sowie Fähigkeiten hinsichtlich der Gestaltung des Alltags und sozialer Kontakte in 5 Pflegegraden ab. Dieser Teil nimmt insgesamt 30% des Konstrukts Pflegebedürftigkeit ein. Das heißt auch, dass Pflegeeinrichtungen und -dienste in der Lage sein müssten, fachlich diese Bereiche abzudecken, die sicherlich auch gewisse pädagogische-therapeutische Kompetenzen erforderlich machen.

Insgesamt werden also hohe Anforderungen an die Fachkräfte im Sozialwesen und ihre Arbeit gestellt. Während Qualitätsmanagement seit bald 20 Jahren fast den gesamten sozialen Sektor durchdrungen hat setzt die Dynamik der gesetzlichen Grundlagen sozialer und pflegerischer Arbeit eine hohe Flexibilität voraus. Hinzu kommen häufig ungünstige Arbeitsbedingungen: Altenpflege und Wohngruppendienste in Einrichtungen der Behinderten- und Jugendhilfe erfolgt in der Regel im Schichtsystem – je nachdem Früh-, Spät-, Bereitschafts- und Nachtdienste sowie die häufig gefürchteten, geteilten Dienste. Geteilte Dienste oder Teildienste – gerne auch als „Dienste mit langer Pause“ bezeichnet, können beispielsweise Frühdienst von 6.00 – 9.00 Uhr verbunden mit einem Spätdienst am gleichen Tag von 16.00 – 20.00 Uhr sein. Durch die Art der Pausengestaltung wird das Arbeitsrecht nicht verletzt, da die Ruhezeit erst nach dem letzten Arbeitsabschnitt beginnt (pdf), einen ntsprechenden Augleich bei der Ruhezeit vorrausgesetzt (hier müsste man arbeitsrechtlich in die Tiefe gehen – dies tut das zitierte pdf von Wolfram Schiering aber auch, auf das ich weiter oben verweise).

Eine Studie des BIBB aus dem Jahr 2015 welche die Arbeit von Erzieher*innen untersucht hat, stellt fest, dass „[…] die Arbeitsbedingungen Arbeiten bei Lärm, Arbeiten in gebückter, hockender, kniender Stellung, Umgang mit Mikroorganismen wie Krankheitserregern und das Heben und Tragen von Lasten […] (BIBB 2015 S.6)“  nicht nur häufiger im Alltag von Erzieher*innen vorkommen; auch ist der Anteil der hierdurch belasteten Erzieher*innen höher als es in anderen Berufsgruppen der Fall ist. Hinsichtlich der Arbeitsintensität stellt die Studie fest, dass Erzieher*innen oft verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig überwachen müssen, häufiger bis an ihre Belastungsgrenzen gehen müssen und einem ausgeprägten Termin- und Leistungsdruck ausgesetzt sind. Kognitive Flexibilität ist besonders wichtig, da im Vergleich zu anderen Berufsfeldern Erzieher*innen seltener Routinearbeiten zu erledigen haben und häufiger vor neuen Herausforderungen stehen. Fast jede dritte Erzieher*in fühlt sich laut der Studie durch „[…] die Anforderungen an die Arbeitsmenge überfordert […] (ebd.)“. Auch ist diese Berufsgruppe häufiger von gesundheitlichen Beschwerden während der Arbeit betroffen. 77% der Erzieher*innen wünschen sich aufgrund des anstrengenden Berufs vorzeitig in den Ruhestand gehen zu können. Man könnte dies nun endlos weiterspinnen, die Studie ist voll von wirklich schlimmen Beispielen, was die Arbeitssituation von Erzieher*innen angeht. Deutlich dürfte sein, dass Erzieher*innen keinesfalls, wie leider immer noch oft üblich, von ihren Tätigkeiten her auf „Basteltanten“ reduziert werden dürfen!

Zusammengefasst kann man feststellen, dass jegliche Form sozialer Arbeit – Pflege, Erziehung, Sozialpädagogik – hohe Anforderungen an die in den Berufsfeldern tätigen Personen stellt: Zeitliche Flexibilität und Bereitschaft zu Schichtdiensten, (körperlich und kognitiv) antrengende Tätigkeiten, oft verbunden mit Gefährdung der eigenen Gesundheit, sowie eine stetige Bereitschaft sich selbst weiterzuentwickeln bzw. zu -bilden – vor dem Hintergrund eines steigenden Personalmangels.

Wenn man dann die Verdienste anschaut, hat dies schon eine recht ernüchternde Wirkung:

BerufsgruppeEinsteigsgehaltErfahren, Stufe 5
Sozialarbeiter*in (SUE S11-S14 Schnitt, keine Leitung)2903,23 € (Stufe 1)4116,77 € (nach 12 Jahren)
Erzieher*in (keine Leitung, SUE S8a)2578,24 € (Stufe 1)3400,97 € (nach 12 Jahren)
Pflegefachkraft (P7, keine Leitung)2635,53 € (Stufe 2, Stufe 1 gestrichen)3168,10 € (nach 9 Jahren)
Monatliche Bruttoeinkommen der unterschiedlichen Professionen im (groben) Vergleich, errechnet nach dem TVÖD, ohne Zulagen und Zusatzversorgung, bei 100% Stellenanteil, Lohnsteuerklasse I.

Diese Angaben sind aus den TVÖD-Entgeltgruppen abgeleitet, an denen sich üblicherweise auch die AVR (Arbeitsvertragsrichtlinien) der kirchlichen Träger wie Diakonie oder Caritas orientieren. Generell gibt es aber auch Arbeitgeber die sogenannte „Haustarife“ vereinbaren, beispielsweise einige Einrichtungen der Lebenshilfe e.V. und private Einrichtungen beispielsweise aus der Pflege. Daher ist die obige Tabelle exemplarisch zu verstehen. Zudem können je nach Arbeitsplatz und -zeiten Heim-, Schicht- und Wochenendzulagen hinzukommen sowie Urlaubs-/Weihnachtsgeld und ggf. ein Leistungsentgelt nach §18 TVöD, das als umstritten gilt und unterschiedlich angewendet wird.

Summa summarum lässt sich feststellen, dass insgsamt ein hoher Bedarf an Arbeitskräften im sozialen Sektor benötigt wird: seien es nun Pflegefachkräfte, Erzieher*innen oder Sozialarbeiter*innen. Dennoch scheint noch nicht wirklich angekommen zu sein, dass die Sozialberufe nicht mehr im 19. oder frühen 20. Jahrhundert stehen. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass hinter der Finanzierung der sozialen Berufe oft keine produzierende Privatwirtschaft steht, die teils recht hohe Erfolgsprämien und Gehälter bezahlen kann. Die Gehälter im sozialen Bereich werden in den meisten Fällen indirekt über staatliche oder von staatlichen Organen erhobene Mittel (z. B. Beiträge zur Pflegeversicherung, Zuschüsse zum Kindergarten, Steuern o.ä.) sowie durch die inanspruchnehmenden Personen (aus Vermögen z. B. (noch) bei Selbstzahlern in der Eingliederungshilfe, Kindergartenbeitrag, Unterhaltsverpflichtung o.ä.) finanziert.

Entlohung als Ausdruck der gesellschaftlichen Wertschätzung

Wenn also Entlohnung, Gratifikationen und Strukturen – Lohn, Arbeitszeit, Personalbemessung, generell Arbeitsbedingungen – im sozialen Bereich ganz besonders vom Beitrag der Gesellschaft abhängig sind, so könnte man den Eindruck gewinnen, der Gesellschaft ist die Produktion schicker Autos mehr wert ist als die Versorgung ihrer Kinder und Alten.

Sicherlich ist dies aus der oben bereits erfolgten historischen Herleitung mitbegründet: Pflege und Erziehung sind aus historischer Sicht „Frauenaufgaben“ im Rahmen der Haushaltsführung gewesen, während der Mann, das Oberhaupt des Haushalts, der Erwerbsarbeit nachgegegangen ist. Und mit einem Anteil von 83,7% Frauen in den Berufsfeldern Erziehung, soziale und hauswirtschaftliche Berufe und Theologie sowie einem Anteil von 82,8% im Bereich der medizinischen Gesundheitsberufe 2016 (laut statista) ist nach wie vor festzustellen, dass soziale Arbeit deutlich überwiegend von Frauen durchgeführt wird. Pflege-, Erziehungs und Sozialberufe haben sich generell aus jahrhundertelanger kirchlich-karitativer Tradition und innerfamiliärem Handeln heraus entwickelt, welches die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hauptsächlich „ehrenamtlich“ erfolgte – früher war natürlich die Rettung des Seelenheils unter Umständen ein größerer Lohn als sie es heute in einer säkularen Gesellschaft ist. Genauso wie der Erhalt des Familiensystems an sich und das „Durchbringen“ des Nachwuchses hinsichtlich dessen, dass die Familie auch die soziale Absicherung des Individuums darstellte, eine wichtige Aufgabe war.

Einerseits hat man die historische Entwicklung, zum anderen kommt, sicherlich damit verknüpft, oft eine gewisse Haltung zum Vorschein, die sich in Aussagen wie „Pflege kann jeder!“ des ehemaligen Ministers Norbert Blüm manifestiert. Oder dem Vorurteil der Basteltante im Kindergarten und dem des Sozialarbeiters mit der Kaffeetasse in der Hand. Wenn es also um Tätigkeiten geht, die oft als etwas wahrgenommen werden, das im Grunde ja jeder kann, warum sollte es dafür höhere Gehälter geben? Eine Mutter erzieht ja ihre Kinder auch „umsonst“, die alten Eltern werden für eine „handvoll Pflegegeld“ ja auch locker gepflegt – obwohl: „Gewalt und Mißhandlung gegen ältere Menschen in der häuslichen Pflege ist kein Einzelfall,“ wie das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz feststellt (insbesondere die am Fuß des Artikels angehängten Präsentationen sind recht aufschlussreich).

Letzendlich müssen die Gehälter im sozialen Bereich – anders als es in der freien Wirtschaft der Fall ist, hier hängt vieles mit dem Erfolg des Unternehmens zusammen, z. B. ganz konkret den verkauften Produkten bzw. dem erzielten Gewinn – über Mittel der öffentlichen Hand gegenfinanziert werden. Dazu können sicherlich bestimmte Überschüsse, die durch die Versicherungen erzielt wurden (Pflegeversicherung oder Krankenversicherung beispielsweise) verwendet werden, zu vermuten wäre aber dass, insbesondere wenn man entstehenden oder bereits manifesten Personalnotständen im sozialen Bereich begegnen möchte, neue Einnahmequellen – sei es über Steuern, Umlagen oder Beiträge – erschlossen werden müssten.

Gute Arbeit gibt es nicht umsonst

Ein kurzes Fazit

Vor kurzem haben wir uns die Stellenausschreibung für eine Leitungskraft im Bereich der Jugendhilfe angeschaut: TVöD SUE S18 eingruppiert, eine Stufe 2 suggerierend würde man hier mit einem monatlichen Gehalt von Brutto knapp 3731,18 € einsteigen, was einem jährlichen Grundgehalt von 44774,16 € entspricht – bei einer Personalverantwortung für voraussichtlich über 100 Mitarbeiter und der Vorrausetzung eines abgeschlossenen Hochschulstudiums. Zum Vergleich: Ein frischgebackener Hochschulabsolvent des Ingenieurswesen würde als Einsteigsgehalt nach dem ERA der IG Metall in Baden-Würtemberg bereits 55508,70 € erhalten (pdf). Dieses Gehalt wäre für eine erfahrene Führungskraft im sozialen Bereich nach 7 Jahren möglich – einen Einstieg in Stufe 2 und eine Eingruppierung in S18 vorausgesetzt. Materiell bzw. monetär lohnt sich eine Tätigkeit im sozialen Bereich momentan nicht. Das erklärt vielleicht auch ein Stück weit, warum es mit der Attraktivität der sozialen Berufe nicht zum Besten bestellt ist: Wenn die Kumpels, die „etwas Vernünftiges“ gelernt haben bereits mit Mitte 20 den Audi in die eigene Garage fahren, erreicht man oft als „normale“ Pfleger*in, Erzieher*in oder Sozialarbeiter*in im Laufe der gesamten Erwerbsbiografie nicht mal deren Einstiegsgehalt. Und geht gesundheitlich geschunden in die Frührente (pdf), ggf. unterstützt durch soziale Transferleistungen. Kurz: Das sind nicht die Perspektiven, die junge Leute dazu animieren, in einem solchen Berufsfeld eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.

Nun kann man sagen: Aber Geld ist doch nicht alles! Arbeit mit und am Menschen ist sinnstiftend und besitzt an sich schon einen unschätzbaren, ja unbezahlbaren Wert. Soziale Arbeit und Pflege sind die „Schmiere“ der Zahnräder der Gesellschaft und sorgen dafür, dass diese am Laufen gehalten werden. Die Dankbarkeit des Klientel und das Wissen darum, Gutes getan zu haben und mit einem ruhigen Gewissen abends lächelnd einschlafen zu können, sind doch Lohn genug. Oder nicht? Tatsächlich habe ich in eigenen, nicht repräsentativen Erhebungen zu meiner Masterthesis vor noch nicht allzu langer Zeit den Eindruck gewonnen, dass es andere Dinge gibt, die offenbar zumindest genauso wichtig für den einzelnen sozial Arbeitenden sind wie die angemessene Entlohnung der Arbeit: Eine ausreichende Personalausstattung verbunden mit einer adäquaten Arbeitsbelastung sowie Eingebundenheit in ein Team. Nicht zu vergessen ist die Rolle des Vorgesetzten und der Klienten sowie die persönliche Identifikation mit der eigenen Arbeit. Also ein klitzekleines Stück weit wie bei anderen, ganz normalen Arbeitsplätzen auch.

Nur: In anderen, ganz normalen Arbeitsplätzen würde man sicherlich nicht auf die Idee kommen, dass „Gotteslohn“ ausreichen würde. So sind die Mieten in bestimmten deutschen Großstädten bereits seit einigen Jahren so hoch, dass es für Erzieher*innen oder Pflegefachkräfte kaum möglich ist, eine bezahlbare Wohnung in der Nähe ihrer Arbeitsstätte zu finden. Anders gesagt: Auch wenn man unterstellt, dass eine sinnstiftende Tätigkeit im sozialen Bereich weniger Lohn erfordern würde wie das Zusammenbauen von Autos oder das Entwickeln von Software (was durchaus diskutabel ist!), so sollte dieser dennoch ausreichend sein, um Miete, Mobilität und Lebenshaltung bestreiten zu können – auch im Alter. Damit das funktionieren kann, muss sich jedoch das Bild der sozialen Berufe in der Gesellschaft ändern. Ansonsten werden viele weiterhin vermutlich lieber „etwas Vernünftiges lernen“ als einen sozialen Beruf zu ergreifen.

Quellen und mehr

Literatur

  • Juchli, Liliane 1994: „Pflege – Praxis und Theorie der Gesundheits- und Krankenpflege“, 7. neubearbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag Stuttgart
  • Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.) 1997: „Fachlexikon der sozialen Arbeit“, 4. vollständig überarbeitete Auflage, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Frankfurt am Main
  • Haeberlin, Urs 2005: „Grundlagen der Heilpädagogik – Einführung in eine wertgeleitete erziehungswissenschaftliche Disziplin“, Haupt Verlag Bern, Stuttgart und Wien

Studien, Statistik und Berichte

Meldungen, Definitionen und Sonstiges

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