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Es geht aufwärts? „Konzertierte Aktion Pflege“ und mehr…

Noch steht keine neue Regierung und die Wirren in den Reihen der Führung der SPD lassen momentan nichts allzu Gutes erahnen. Vielleicht scheitert auch eine Weiterführung der Großen Koalition mit CDU/CSU nun doch noch und es gibt am Ende eine Minderheitsregierung? Wie es auch immer ausgehen mag: Die Ideen zur Verbesserung der Pflege, wie sie der Entwurf des Koalitionsvertrags zwischen SPD und Union darlegt, sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Könnten diese wirksam werden und vor allem: Reichen diese auch für eine sichere Pflege in der Zukunft und packen die Probleme der Pflege an ihren Wurzeln?

Wenn es denn eine Fortsetzung der großen Koalition geben wird, so steht schon jetzt fest, dass die Koalitionäre womöglich Großtaten vorhaben, was den Bereich der Pflege angeht. Der Entwurf des Koalitionsvertrags stellt wörtlich fest: „Eine gute und verlässliche Pflege ist für immer mehr Betroffene und ihre Angehörigen von zentraler Bedeutung. (pdf)“ Da mag man nun tatsächlich nicken – mit dieser Aussage haben sie recht, die angehenden Koalitionäre. Kaum war der Entwurf des Vertrages an die Öffentlichkeit gelangt, so hat man sich recht schnell auf die darin genannte Zahl – 8000 – eingeschossen, die für die Anzahl der Fachkraftstellen in der Pflege steht, die eine große Koalition in einem „Sofortprogramm“ schaffen will: „Warum 8000 neue Stellen in der Pflege zu wenig sind“ titelt die Augsburger Allgemeine, „Die angekündigten 8000 neuen Stellen in der Pflege dürften nur ein Einstieg sein. Mittelfristig würden rund 100.000 zusätzliche Pflegekräfte gebraucht,“ schreibt der Tagesspiegel und zitiert den Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, phrasenhaft und unsäglich: „Eine menschenwürdige Pflege für alle ist nicht zum Nulltarif zu haben.“ Als ob das etwas Neues wäre. Es ist zu vermuten, dass das inzwischen auch bis zu den zuständigen Politikern durchgedrungen ist.

Die 8000 gegen den Pflegenotstand, dass hat ja schon etwas von den Sieben Samurai oder den Spartanern gegen die Perser: Und alles was es am Ende für die Helden gibt, ist eine hübsche Steintafel auf den Thermopylen. Festzustellen ist, dass die Lage ernst ist – und sich immer weiter verschärfen wird. Also schauen wir einmal, was der potentielle Koalitionsvertrag hinsichtlich der Pflege sonst noch zu bieten hat: Der Abschnitt zur Pflege beginnt zunächst retrospektiv und blickt zurück auf die Leistungen der vergangenen Legislaturperiode. Da ist von der grundlegenden Reformierung der Pflegeversicherung durch die Pflegestärkungsgesetze (die PSG I, II und III, zusammengefasst z. B. hier nach zu lesen) die Rede und es wird bekräftigt, auch in Zukunft weiter an der Verbesserung der Pflege zu arbeiten und dabei auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege „so attraktiv“ zu machen, dass genügend Personen den Pflegeberuf erlernen wollen. Und jene, die bereits im Berufsleben als Pflegekräfte stehen, auch bei ihrem Beruf bleiben. Hier weist das Papier keine Hinweise auf Unstimmigkeiten zwischen den Koalitionsparteien auf: Offensichtlich ist man sich an dieser Stelle einig, dass etwas getan werden sollte. Deshalb soll es einerseits ein  Sofortprogramm geben – dazu gehören auch die heldenhaften 8000 – sowie eine „Konzertierte Aktion Pflege“ die offenbar auf eine langfristige Wirkung abzielt.

Schnelle Hilfe!

Das Sofortprogramm

Und dann werden über Nacht 8000 neue Stellen geschaffen. Eine nette Idee, aber könnte das eine Bundesregierung überhaupt durchführen und wenn, wie würde sie es anstellen? Angenommen, dass ginge tatsächlich so einfach, wie würde die Regierung dann dafür Sorge tragen, dass jene Stellen keine Leerstellen bleiben? Woher kommen dann – sofort, also umgehend – die 8000 examinierten Pflegekräfte (es sollen ja Fachkräfte sein)? Schnitzt Frau Barley (oder wer immer sonst den Job dann in der Regierung inne hat) diese selbst oder helfen ihr Frau Merkel und Frau Nahles (Herr Scholz oder andere potentielle Anwärter) dabei?

Zunächst einmal festzustellen ist, dass es laut der Pflegestatistik 2015, die 2017 vom statistischen Bundesamt publiziert wurde, in Deutschland insgesamt 13600 Pflegeheime gibt. Zu dieser Anzahl Pflegeheime kommen noch zusätzlich 13300 ambulante Pflegedienste: Würde man diese Gesamtzahl zugrunde legen, müssten die 8000 Stellen auf insgesamt 26900 stationäre und teilstationäre Pflegeeinrichtungen sowie ambulante Pflegedienste verteilt werden, was im Mittel zu ungefähr 0,3 Stellen (verteilt auf alle) führen würde. Hinzu kommt, dass eine Bundesregierung vermutlich nicht in der Position ist, die Schaffung neuer Stellen zu verordnen: Von den bereits genannten knapp 13600 Pflegeheimen sind nur 659 in der Hand öffentlicher Träger und davon die Mehrzahl in der Hand kommunaler Träger (z. B. städtische Pflegeheime o.ä.). Bei den ambulanten Pflegediensten befinden sich noch weniger, nämlich insgesamt 192 Dienste, in der Hand öffentlicher Träger. Könnte der Bund nun zumindest bei den Pflegeeinrichtungen in öffentlicher Hand Stellen schaffen? Angenommen, der Bund brächte eine Art „Pflegestellenschaffungsgesetz“ auf den Weg, dann läge es vermutlich immer noch in der Hand der Länder, dieses entsprechend mit Leben zu füllen bzw. auszugestalten. Dem Grunde nach könnte ein „direktes“ Vorgehen auch gegen das Subsidiaritätsprinzip verstoßen. Überhaupt nicht ist der Bund in der Position quasi per Gesetz die Schaffung von Stellen bei freien oder privaten Trägern der Altenpflege anzuordnen. Daher wäre meine vorsichtige Vermutung, dass die 8000 Stellen als zu beantragende Mittel in einem „Topf“ zusammengefasst werden könnten, aus denen Zuschüsse oder Fördermittel für die Schaffung neuer Stellen beantragt würden. Vorsichtig geschätzt auf Basis des TVÖD (Tabelle P) und einer Unterstellung, die „durschnittliche“ Pflegekraft würde in P7 (Pflegerinnen und Pfleger mit mindestens dreijähriger Ausbildung und entsprechender Tätigkeit) eingestuft, wäre die Topfgröße (Äquivalent zum Jahresbruttogehalt von 8000 examinierten Pflegekräften in Vollzeit) bei ca. 250-300 Mio. Euro zu verorten (basierend auf den Bruttobezügen der Pflegekräfte, die je nach Erfahrungsstufe variieren). Die Gegenfinanzierung soll aus den Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung und der sozialen Pflegeversicherung erfolgen. Laut eines Berichts des SpiegelOnline vom November 2017 konnten die gesetzlichen Krankenkassen ihren Überschuss auf 2,5 Milliarden Euro ausbauen – Insgesamt bestehen Rücklagen bei allen Krankenkassen in Höhe von über 18 Milliarden Euro sowie weitere Finanzreserven. Was die soziale Pflegeversicherung angeht, so konnte diese in den Jahren 2015 und 2016 jeweils ein Plus von je 1,7 und einer Milliarde Euro erwirtschaften – mit liquiden Mitteln in Höhe von 9,3 Milliarden Euro Ende 2016 und Rücklagen in Höhe von 3,7 Milliarden Euro. Um es mit den Worten des ehemaligen Vorstandssprechers der Deutschen Bank zu sagen: bei der Schaffung dieser 8000 Stellen oder eines entsprechenden Fördertopfes reden wir hier eigentlich von Peanuts. Um die Größenordnungen richtig zu zuordnen: Die Kosten für die 8000 wären in etwa vergleichbar mit den jährlichen Ausgaben der Stadt Stuttgart bzw. deren Sozialamt für „Soziale Leistungen“ (siehe Jahresbericht der Stadt, S. 157, Position 43310).

Angenommen, die Pflege- und Krankenversicherungen würden sich dieses Sofortprogramm aus dem Ärmel schütteln: Wie geht es dann weiter? Nur weil eine Stelle geschaffen ist, heißt dies ja noch nicht automatisch, dass diese umgehend besetzt wird. Wenn man den Aussagen des Bundesgesundheitsministeriums bezüglich der aktuellen Stellensituation im Bereich Pflege folgt, fehlen in allen Pflegeberufen bereits Fachkräfte: Im Bundesdurchschnitt sind nur bezogen auf die Fachkräfte in der Altenpflege Stellen 171 Tage unbesetzt – auf 100 gemeldete Stellen kommen 29 Arbeitslose! Bereits 2010 prognostizierte eine Publikation des statistischen Bundesamts den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal: „Das Angebot an Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung wird demografisch bedingt sinken und […] schon vor 2020, spätestens jedoch 2025 den entsprechenden Bedarf rein rechnerisch nicht mehr decken können.“ Das Dokument verweist bereits 2010 darauf, dass es schon damals schwierig war, neue Pflegekräfte zu finden. Das war – nochmals zur Erinnerung – vor 8 Jahren. Der Pflegereport 2030 aus dem Jahr 2012 der Bertelsmann Stiftung geht bis 2030 (je nach Entwicklung der Pflege bei drei unterschiedlichen Szenarien) von 260000 bis 490000 fehlenden Pflegefachkräften aus. Dabei entsteht diese Lücke vor allem aufgrund des steigenden Bedarfs. Der untere Wert (260000) würde aber bedingen, dass die Angehörigenpflege nicht abnimmt und das der Anteil ambulanter Pflege größer wird (bei geringerem Personalbedarf als in der stationären Pflege!). Nimmt man jetzt den besten oder den schlimmsten Fall: So oder so sind 8000 Stellen zu wenig, um die immer weiter aufklaffende Lücke zu schließen. Es gibt bereits jetzt kaum genügend Pflegekräfte, um die bereits bestehenden, freien Stellen auszufüllen. Bei regulärer Ausbildungsdauer braucht es außerdem drei Jahre, bis eine „fertige“ examinierte Pflegekraft dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.

Daher wird zu hinterfragen bleiben, ob so ein „Sofortprogramm“ dem Grunde nach überhaupt wirksam sein kann, da ja einerseits die geplante Maßnahme (8000 Stellen oder das Äquivalent in einer Art Fördertopf) zwar einfach finanzierbar, jedoch vom Umfang her viel zu gering ist um nur mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein. Aufgrund der bereits einige Jahre alten Studien zur Entwicklung der Pflegesituation ist auch davon auszugehen, dass die Personen, die das „Sofortprogramm“ in den Koaltionsvertrag geschrieben haben, genau wissen, dass die Wirksamkeit des selbigen sehr begrenzt ist. Rein strategisch gesehen ist es aufgrund der einfachen Finanzierbarkeit und der „flotten“ Umsetzbarkeit (Ein Fördertopf für neue Stellen in der Pflege ist ja unter Umständen schnell eingerichtet) sicherlich etwas, dass sich politisch als Erfolg der Koalitionäre in der kommenden Legislaturperiode verkaufen ließe („Wir haben Mittel für neue Stellen in der Pflege zur Verfügung gestellt!“, „Wir schaffen sofort Stellen gegen den Pflegenotstand!“, usw.).

Aber: Es soll ja auch nur eine Sofortmaßnahme sein: die „Konzertierte Aktion Pflege“ soll ja „eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung“ in der Pflege anstoßen.

Die Pflege, ein Konzert

und die Bundesregierung dirigiert

Nach dem Sofortprogramm folgt das Konzert: Im Rahmen einer abgestimmten Aktion möchten die Koalitionäre die Situation in der Altenpflege (Altenpflege – Nicht die Rede ist von Krankenpflege oder Heilerziehungspflege) bedarfsgerecht weiterentwickeln. Wie soll das geschehen? Der Koalitionsvertrag nennt hier:

  • Eine Ausbildungsoffensive
  • Anreize für eine bessere Rückkehr von Teil- in Vollzeit
  • Ein Wiedereinstiegsprogramm
  • Eine bessere Gesundheitsvorsorge für die Beschäftigten
  • Die Weiterqualifizierung von Pflegehilfskräften zu Pflegefachkräften
  • Die Stärkung der Bezahlung in der Altenpflege nach Tarif

Über die Altenpflege hinaus sind folgende Maßnahmen geplant:

  • Im Krankenhausbereich Herbeiführung der vollständigen Refinanzierung von Tarifsteigerungen (verbunden mit der Verpflichtung nachzuweisen, dass diese an die Beschäftigten durchgereicht werden)
  • Aufforderung der Pflegemindestlohnkommission, sich zeitnah mit der Angleichung der Mindestlöhne in Ost- und Westdeutschland zu befassen
  • Stärkung der ambulanten Alten- und Krankenpflege insbesondere auf dem Land, bessere „Honorierung“ von Wegezeiten
  • Schaffung eines jährlichen Entlastungsbudgets für pflegende Angehörige, das flexibel abgerufen werden kann (für Kurzzeit-, Verhinderungs-, Tages- und Nachtpflege)
  • Stärkung der Kurzzeitpflege durch Sicherstellung einer „wirtschaftlich tragfähigen Vergütung“
  • Einkommensgrenze von Kindern pflegebedürftiger Eltern künftig bei 100000 € jährlich
  • Vermeidung des Eintritts der Notwendigkeit von Pflege durch die Förderung des „präventiven Hausbesuchs“ mit Mitteln des Präventionsgesetzes.
  • Die Einführung von Personaluntergenzen in Krankenhäusern für alle bettenführenden Abteilungen

Diese Punkte stammen nahezu unverändert aus dem Entwurf des Koalitionsvertrags: Das sieht im großen Ganzen doch nach mehr Holz aus, als das Sofortprogrämmchen, doch wie dick sind die Bretter tatsächlich, die hier gebohrt werden sollen? Zunächst lassen sich die Punkte der Aktion in mehrere Bereiche einteilen: Nämlich Personalgewinnung (Ausbildungsoffensive, Wiedereinsteigsprogramm, Weiterqualifizierung Hilfskräfte zu Fachkräften), Verbesserung der Arbeitsbedingungen (Bessere Gesundheitsvorsorge, Stärkung der Bezahlung nach Tarif, Mindestlohnangleichung, Anreize für bessere Rückkehr von Teil- in Vollzeit, Einführung von Personaluntergrenzen in Krankenhäusern in allen Abteilungen, Angleichung Ost-West-Mindestlohn, Verbesserung Wegezeitenhonorierung), Verbesserung der Situation des Pflegebedürftigen und seiner Angehörigen (Entlastungsbudget, Stärkung der Kurzzeitpflege, „präventiver Hausbesuch“). In diesem Beitrag werde ich mich vor allem auf die Personalgewinnung konzentrieren.

Alles in allem ist die „Konzertierte Aktion“ recht unkonkret gehalten und klingt ein wenig wie etwas, das bereits vor noch nicht allzu langer Zeit von der Regierung angegangen worden ist: Eine Hintergrundmeldung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 02.03.2016 berichtet von einer im Dezember 2012 gestarteten eine „Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive“ die über drei Jahre bis Ende 2015 lief. Damals wurde eine Steigerung der Ausbildungszahlen (stufenweise) um jährlich 10 Prozent anivisiert und die Wiedereinführung der Förderung für Umschulungen sowie die Stärkung der Möglichkeit zur Ausbildungsverkürzung. Auch sollten in diesem Rahmen bis zu 4000 Pflegehilfskräfte zu Fachkräften weitergebildet werden und – um das Paket abzurunden, die Attraktiviät des Berufsfelds – durch verbesserte Gesundheitsförderung, ausgewogeneren Personalmix und leistungsgerechte Vergütung – verbessert werden. Das liest sich zugegebenermaßen doch ein wenig wie weiter so, aber weiter so muss ja nicht immer schlecht sein, wenn man etwas fortsetzt, dass erfolgreich war beziehungsweise sich bewährt hat. 2017 sollte der Abschlussbericht vorliegen, welcher jedoch offenbar noch nicht publiziert worden ist. Allerdings liegt ein Zwischenbericht aus dem Jahr 2015 vor. Laut diesem kann die dreijährige „Offensive“ durchaus Erfolge verbuchen: Die Ausbildungszahlen haben sich wohl (wenn auch verzögert) zweistellig gesteigert und die Zahl der durch die Agenturen und Jobcenter finanzierten Umschulungen ist gestiegen. Was die Nachqualifizierung von Pflegehilfskräften angeht, so scheint es, dass die Zahl 4000 zum Zeitpunkt des Zwischenberichts nicht erreicht wurde – für 2013 spricht der Bericht zwar von 2660 geförderten, berufsbegleitenden Altenpflegeausbildungen, über die anderen Jahre sagt er jedoch nichts mehr aus. Offenbar ist bei jene 2660 Personen gar nicht klar dass diese überhaupt allesamt Pflegehilfskräfte waren, wenn man dem Bericht folgt („Es ist anzunehmen, dass es sich bei einem Gutteil der […] Personen, deren Nachqualifizierung […] 2013 […] gefördert wurde, um Pflegehelferinnen bzw. Pflegehelfer handelt.“). Kritische Stimmen gab es bereits damals schon: So schrieb damals die FAZ damals, dass bürokratische Hürden die Offensive bremsen würden.

Eine Pressemitteilung der bpa Arbeitgeber aus dem Januar 2016 zitiert deren Präsidenten Rainer Brüderle:

„Die bpa Arbeitgeber setzen sich schon heute dafür ein, die ‚Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege‘ ab 2018 neu aufzulegen. Der Erfolg der ersten Offensive darf nicht verspielt werden, sondern er braucht neue Impulse und die können mit solch einer konzertierten Aktion auf Bundesebene gesetzt werden.“

Ein Schelm, der animmt, dass es sich bei der „Konzertierten Aktion Pflege“ um ein zweites, erweitertes Kapitel der „Ausbildungs und Qualifizierungsoffensive Altenpflege“ handeln könnte.

Was am Ende bleibt

Zumindest: Es wird etwas getan?

Was das Sofortprogramm angeht, das eine potentielle, neue große Koalition plant, so kann man sich vermutlich darauf einigen, dass es sich hierbei um kaum etwas anderes wie einen kleinen Tropfen auf einen sehr heißen, großen Stein handelt. Es handelt sich hierbei um keine übermäßig teure Aktion, die sich bei entsprechender „Vermarktung“ sicherlich medienwirksam zu einer Erfolgsmeldung aufblasen ließe. Zudem hat das Sofortprogramm den Charme, dass die Regierung – angenommen man würde die 8000 als Fördertopf umsetzen – hinterher, wenn die Fördermittel für die Schaffung neuer Stellen nicht in dem Maße abgerufen werden würden wie angedacht, den schwarzen Peter den anderen zuschieben könnte. Frei nach dem Motto: Wir haben ja etwas getan – wenn ihr die Mittel nicht abruft, liegt das nicht an uns.

Was die „Konzertierte Aktion Pflege“ angeht, so bleibt abzuwarten, auf was es hierbei tatsächlich hinauslaufen wird. Davon ausgehend, dass es möglicherweise zu einer – vielleicht erweiterten – Fortsetzung der Ende 2012 gestarteten „Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive“ kommt, müsste auch hier kritisch nachgefragt werden, ob dies ausreichen wird – zudem der Abschlussbericht der 2015 ausgelaufenen Offensive noch aussteht und deren Wirksamkeit aktuell nur anhand eines Zwischenberichts bewertet werden kann. Erfreulicherweise ist festzustellen, dass die Gesamtzahl der Auszubildenden in der Altenpflege laut Berufsbildungsbericht 2017 angestiegen ist, was der Bericht auch auf die „Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive 2012“ zurückführt. Geht man  jedoch davon aus, dass ein Jahrgang Auszubildende in der Altenpflege 2015/16 knapp 27000 Neueinsteiger umfasst hat, dann ist das möglicherweise gar nicht soviel, wie es zu sein scheint: Angenommen, man ginge sehr optimistisch von einer Steigerung von 10% jährlich bei den Ausbildungseintritten aus, was dem Ziel der Offensive entsprechen würde: Dann würden 2018/19 35937 Menschen ihre Ausbildung in der Altenpflege beginnen. So hochgerechnet (unterstellend, dass keiner die Ausbildung abbricht und das alle fertig ausgebildeten in ihrem erlernten Beruf bleiben würden) käme man bis 2030 auf maximal 430370 ausgebildete examinierte Altenpfleger, was ziemlich genau der Szenario 1 Pflegelücke (430000 Vollzeitstellen) aus dem Report Pflege 2030 entsprechend würde (das sogenannte Status-Quo-Szenario, d.h. die Entwicklung der Fallzahlen der Pflegebedürftigen hängt allein von der Bevölkerungsentwicklung ab). Laut Meldungen der Länder sind im Schuljahr 2012/13 jedoch bereits 26740 Schüler in die Ausbildung Altenpflege eingetreten, was, wenn man die obige Zahl für 2015/16 betrachtet, keine Steigerung von 10% mehr ausmacht. Die Schulstatistik, die die Grundlage für die Zahlen des Berufsbildungsberichts 2017 bildet und die verkürzte Altenpflegeausbildung nicht berücksichtigt, spricht für 2016 nur von einer Steigerung der Ausbildungsbeginne im Vergleich zum Vorjahr von 1,3%. Das heißt, bedarfsgerechtes Ideal und Wirklichkeit klaffen aktuell weit auseinander – zu weit.

Was die anderen Punkte der konzertierten Aktion angeht, so bleibt abzuwarten, inwiefern sie zur konkreten Verbesserung der Pflegesituation führen können: Wie soll beispielsweise – insbesondere bei privaten Anbietern – die Bezahlung nach Tarif durchgesetzt werden? Die großen, freien Träger der Wohlfahrtspflege haben ja oft bereits Tarifsysteme, die sich an den TVÖD anlehnen (z. B. die AVRs der Caritas und der Diakonie). Auch klingt der Satz „Wir bitten die Pflegemindestlohnkommission, sich zeitnahe mit der Angleichung des Pflegemindestlohns in Ost und West zu befassen“ recht zahm: Angesichts der regionalen Spannweite der Löhne die bereits bei Fachkräften der Altenpflege zwischen 1985 € in Sachsen-Anhalt und 2937 € in Baden-Württemberg liegt, sollte schon etwas mehr als nur eine freundliche Bitte drin sein.

Gespannt wird man auch sein dürfen, wie die Attraktivität des Pflegeberufs generell gesteigert werden soll, wenn in der seriösen Presse Sätze auftauchen wie „Pfleger bekommen fürs Hinternabwischen nur einen Hungerlohn (Süddeutsche vom 31.01.2018)“: Dabei ist dieser spezielle Artikel sicher gut gemeint, aber zeigt doch sprachlich wenig Sensibilität: Moderne Pflege ist Grundpflege, basale Stimulation, Sturz- und Dekubitiusprophylaxe, Ein- und Ausfuhrkontrolle, Stomaversorgung, Aktivierung und Mobilisierung, Lagerung und Transfer, Kinästehtik, Planung und Dokumentation und vieles, vieles mehr – nicht zu vergessen empathischer sozialer Kontakt für Menschen, die oft ganz alleine am Ende ihres Lebens stehen (sehr zu empfehlen ist der Blick in eines der Bücher zum Thema Pflege, wenn es sich für „Nicht-Pfleger“ einmal ergibt, z. B. von Frau Juchli o.ä.).  Bei einem Bild, in dem eine Pflegekraft nur „Hinternabwischer“ oder „Urin-Kellner“ ist, wären auch die 1985 € an der Untergrenze der Einkommensspannweite zu viel Gehalt!

Am Ende bleibt zu hoffen, dass die „Konzertierte Aktion Pflege“ viel mehr werden wird, als die „Ausbildungs- und Qualifikationsoffensive“ von 2012 und die Pflege an sich generell aufwertet.


Quellen und mehr

Studien und Berichte

Meldungen, Definitionen und Sonstiges

 

 

 

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