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Ausbeutung: Jetzt auch noch die Kinder!

Es ist noch nicht lange her das Amnesty International den Bericht „Time to recharge“ veröffentlichte, in der auf über 100 Seiten die Zustände in den Minen des Kongo beleuchtet werden. Offenbar hatte Amnesty bereits vor zwei Jahren auf die miserablen Zustände im Kongo bei der Förderung von Kobalt hingewiesen und bereits damals großen Unternehmen vorgeworfen, Kinderarbeit in Kauf zu nehmen. Weltweit werden für die Produktion von Gütern jedoch fast überall irgendwo in den Lieferketten unfaire Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Ausbeutung und Sklavenarbeit in Kauf genommen – seit vielen Jahren, ungeachtet dessen, dass Informationen hierzu eigentlich leicht zugängig sind. Nur zu passieren scheint: rein gar nichts.

Der Bericht „Time to recharge“ von Amnesty International wurde von den Medien intensiv aufgegriffen: So titelt Heise Online am 15.11.2017: „Amnesty: Microsoft, Apple, Samsung und Autohersteller nicht entschlossen gegen Kinderarbeit im Kongo“ oder die Zeit Online am selben Tag mit: „Amnesty wirft Autoherstellern Förderung von Kinderarbeit vor“. Von mir nun in der Überschrift etwas reißerisch formuliert, möchte ich in diesem Beitrag nochmals umreißen, dass Kinderarbeit im Grunde nur die Spitze eines Eisbergs darstellt, dessen gewaltige Ausmaße vor allem der voranschreitenden Globalisierung und dem, was man allgemein formuliert gerne als den „westlichen Lebensstil“ bezeichnet, geschuldet sind. Beginnen wir aber mit der Kinderarbeit.

Kinderarbeit – Situation und Entwicklung

Deutschland – ein kurzer geschichtlicher Überblick

Kinderarbeit ist ein sehr negativ besetzter Begriff bei uns. Das Beitragsbild, das Kinder bei der Arbeit in den Avondale Mills in Birmingham, Alabama (1910), einer großen Textilfarik in den Vereinigten Staaten, zeigt, stellt Kinderarbeit so dar, wie sie vermutlich in den Vorstellungen vieler aussehen konnte. Zugleich ist diese Art von Kinderarbeit in den USA und in Westeuropa weitgehend überwunden. In Deutschland gibt es gesetzliche Regelungen, die Kinderarbeit weitgehend beschränken und regulieren: Die Beschäftigung von Kindern (Kind ist, wer unter 15 Jahre alt ist) ist gesetzlich verboten (§2 Abs. 1, §5 Abs. 1 JArbSchG). Für Jugendliche gilt die 40-Stunden-Woche als Obergrenze bei einer maximalen täglichen  Arbeitszeit von 10 Stunden, dabei sind Erholungspausen vorgesehen. Akkordarbeit und gefährliche Tätigkeiten sind auch für Jugendliche verboten. Die Einhaltung dieses Gesetzes wird außerdem überwacht – Verstöße können mit Bußgeldern geahndet werden (Eine Publikation des BMAS zum Jugendarbeitsschutz findet sich hier). In Deutschland ist der Kinder- und Jugendschutz geschichtlich gewachsen: Der Kindheitsbegriff, wie wir ihn kennen, entwickelte sich erst ab dem 18. Jahrhundert und mit der Aufklärung. In vorindustrieller Zeit ging man vom Kind als einem kleinen Erwachsenen aus, einer wichtigen Arbeitskraft in der Landwirtschaft und einer Absicherung bei Alter und Krankheit der Eltern. Mit der beginnenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden Kinder häufig in Textilfabriken und im Bergbau, aber auch bei anderen Tätigkeiten an Maschinen eingesetzt. Dabei kam den kleinen Arbeiten vor allem zu Gute, dass sie billige Arbeitskräfte waren und aufgrund ihrer geringen Größe beispielsweise in Bergwerken eingesetzt werden konnten, die für erwachsene Grubenarbeiter zu eng waren. Dass die Kinder damit besonderen Gefahren ausgesetzt waren, dürfte klar sein.

Man stellte schon bis Mitte des 19. Jahrhunderts von staatlicher Seite aus in England als auch in Preußen fest, dass frühe und intensive Fabrikarbeit so großen Schaden bei den Menschen anrichtete, dass diese die Leute für den Wehrdienst untauglich machte. 1839 erließ Friedrich Wilhelm III. von Preußen das „Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken“ (im genauen Wortlaut hier) das als das sogenannte „Preußische Regulativ“ in die Geschichte einging. Nach diesem Gesetz durften Kinder unter neun Jahren überhaupt nicht mehr beschäftigt werden und Jugendliche unter 16 nur dann, wenn sie nachweislich über drei Jahre eine Schule besucht hatten. Bereits damals wurde eine tägliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden festgelegt, Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeit wurden verboten. Ausnahmen waren nur dann möglich, wenn ein Arbeitgeber beispielsweise über Fabrikschulen den Unterricht der minderjährigen Arbeitnehmer absicherte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Gesetz immer wieder ergänzt und angepasst, festzustellen ist allerdings, dass sich auch damals nicht alle Fabrikanten an die geltenden Gesetze hielten. Laut der bpb besuchten bereits in den 1870er Jahren 90% der Schulfplichtigen in Preußen die Schule, 1880 waren es bereits nahezu 100%. Findige Fabrikanten versuchten, über die Einführung von Heimarbeit die Kinder wieder in den Arbeitsprozess mit einzubeziehen, was oft schwerer zu kontrollieren war als die Tätigkeiten in einer Fabrik oder Manufaktur. Das 1903 eingeführte Kinderschutzgesetz des Deutschen Reiches verbot schließlich die Arbeit für unter 12 Jahre alte Kinder im Handel und für unter 14-Jährige in der Industrie. Allerdings war die Landwirtschaft in diesem Gesetz nicht reguliert und es gab weiterhin viele Ausnahmen beispielsweise im Bergbau oder bei Glashütten. Ein grundsätzliches Verbot von Kinderarbeit erfolgte erst in der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg.

Festzustellen ist also, dass das Verbot der Kinderarbeit auch bei uns noch – auf der Zeitschiene gesehen – relativ frisch ist und sich die regulierenden Gesetze über einen Zeitraum von über hundert Jahren entwickeln mussten, bis der heutige Stand erreicht war. Diese Entwicklung ist eng verknüpft mit dem Begriff der „Sozialen Frage“ der in der industriellen Revolution in Europa aufkam. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass die Kindheit ein besonders zu schützender Lebensabschnitt ist, der dem Lernen und der Entwicklung des jungen Menschen dient und nicht dazu, in finsteren Kohlegruben oder unter gefährlichen Maschinen zu malochen.

Die internationale Situation

Wie die Bilder von Lewis Hine, die ich in diesem Artikel verwende, zeigen, war die Situation in den USA zur Zeit der Industrialisierung im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert kaum besser als in Europa. Auch hier dauerte es bis 1938, bis wirksame Regelungen gegen die Kinderarbeit geschaffen wurden. Man kann also insgesamt feststellen, dass bis spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts in der „westlichen Welt“ Kinderarbeit geächtet wurde (manche Länder waren etwas später dran, interessanterweise auch z. B. die Schweiz, wo es bis heute Entschädigungszahlungen an sogenannte Verdingkinder gibt).

Wenn wir einen Überblick über die heutige Situation der Kinderarbeit erhalten möchten, so bietet sich zunächst der Bericht der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) vom September 2017 an, der einige Aussagen zum Thema trifft. So gibt es weltweit insgesamt 152 Millionen Kinderarbeiter, davon sind 73 Millionen in gefährlichen Tätigkeiten beschäftigt. Der weit größte Anteil der Kinderarbeit findet in Afrika statt, fast die Hälfte der weltweit arbeitenden Kinder ist zwischen 5 und 11 Jahren alt. Dabei scheint es so, dass das Risiko für Kinderarbeit bei Jungen größer ist als bei Mädchen. Größtenteils findet Kinderarbeit in der Landwirtschaft statt. Positiv bewertet die Studie der ILO, dass die Kinderarbeit seit dem Jahr 2000 abnimmt. Allerdings hat sich dieser Prozess zwischen 2012 und 2016 verlangsamt. Offenbar hat die Kinderarbeit in Afrika während dieser Zeit zugenommen – obwohl viele afrikanische Staaten den Kampf gegen die Kinderarbeit aufgenommen haben. Herzvorzuheben ist, dass insbesondere die Länder südlich der Sahara bei der Reduktion der Kinderarbeit immer weiter hinter den Rest der Welt zurückfällt. Dazu kommt, dass Kinderarbeit in instabilen Ländern, in denen es beispielsweise Kriege oder andere Arten bewaffneter Konflikte gibt, drastisch höher ist als anderswo. Dies betrifft Länder wie Afghanistan, Mali, Nigeria, die Philippinen wie auch die Demokratische Republik Kongo – um nur ein paar zu nennen. Auch wenn laut des Berichts der ILO inzwischen die überwiegende Zahl der Kinder trotz Arbeit eine Schule besuchen kann, so wirkt sich die Arbeitstätigkeit dennoch negativ auf den Bildungsprozess aus: Es fehlt schlicht die Zeit und die Energie, die für die Arbeit aufgewendet wurden für den Wissenserwerb. In Sachen Bildung hinken deshalb arbeitende Kinder häufig hinter anderen her.

RegionAnteilgefährl. ArbeitenAgrarIndustrieService
Afrika19,6%8,6%85,1%3,7%17,2%
Südostasien und Pazifikregion7,4%3,4%57,5%21,4%21,2%
Amerika (gesamt)5,3%3,2%51,5%13,2%35,3%
Europa und Zentralasien4,1%4,0%76,7%9,7%13,6%
Arabische Länder2,9%1,5%60,3%12,4%27,4%
Weltweite regionale Verteilung von Kinderarbeit prozentual sowie ihre Verteilung nach Sektoren und der Anteil an gefährlichen Tätigkeiten. Quelle: ILO (ilo.org)

Festzustellen ist, dass Kinderarbeit primär im landwirtschaftlichen Sektor stattfindet, häufig unbezahlt ist und im „Familienbetrieb“ erfolgt. Dies betrifft fast 70% aller Kinderarbeit weltweit. Beispiele für Heimarbeit und „Familienarbeit“ sind:

Kinderarbeit wird genrell durch Armut, Krisen und Konflikte begünstigt: Oftmals reicht das Einkommen der Eltern nicht aus, so dass die Kinder durch ihre Arbeit das Überleben der Familie mit absichern.

Komplexe Problematik

Man kann durchaus Parallelen ziehen zur Kinderarbeit während der Zeit der Industrialisierung in Europa und in den Vereinigten Staaten und der Kinderarbeit, wie sie heute immer noch vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern praktiziert wird: Kinder sind damals wie heute billige Arbeitskräfte mit ähnlichen Qualitäten, die bereits zur Zeit der Industrialisierung geschätzt wurden (klein, was für die Arbeit in Bergwerken durchaus bedeutsam sein kann, mit geschickten Fingern ausgestattet, was offenbar die Textilindustrie zu schätzen weiß…).

Die ILO hat bezüglich der Altersgrenzen im Übereinkommen 138 Festlegungen getroffen, die recht klar bestimmen, wie und in welchem Umfang Kinder bestimmte Tätigkeiten verrichten können und wie sich diese von unzulässiger Kinderarbeit abgrenzen.

Art d. ArbeitMindestalterMögl. Ausnahmen Entwicklungsländer
Gefährliche Arbeit: Jegliche Arbeit welche die physische oder psychische Gesundheit eines Kindes gefährdet sollte nicht von Minderjährigen ausgeführt werden.18 (16 unter strengen Bedingungen)18 (16 unter strengen Bedingungen)
Grundsätzliches Mindestalter für reguläre Arbeitstätigkeiten: Nach Ende der Schulpflicht, in keinem Fall früher als 15 Jahre. 1514
Leichte Arbeiten: Kinder zwischen 13 und 15 Jahren können leichte Arbeiten verrichten, sofern dadurch ihre Gesundheit, Sicherheit, Ausbildung oder berufliche Orientierung und Ausbildung gefährdet werden.13-1512-14
Tabellarische Darstellung des Übereinkommens 138 der ILO. Quelle: ILO (ilo.org)

Ergänzt wurde das Übereinkommen 138, dass bereits seit Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts bestand hat, durch das Übereinkommen 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit von 1999, welches alle Kinder unter 18 Jahren betrifft. Als die schlimmsten Formen der Kinderarbeit definiert das Papier alle Formen der Sklaverei oder der Sklaverei ähnliche Praktiken, den Einsatz oder die Vermittlung von Kindern als Prostituierte oder für pornografische Produktionen oder für den Drogenhandel. Auch gehören dazu solche Tätigkeiten, die aufgrund ihrer Art oder den Umständen der Ausführung wahrscheinlich der Gesundheit, der Sicherheit oder der moralischen Entwicklung der Kinder schaden (siehe Artikel 3 (a) -(d) aus Übereinkommen 182).

Nun ist aber häufig das Problem, dass man trotz der bestehenden Regelungen die Kinderarbeit nicht so einfach auf einen Schlag beenden mag. Es  besteht ein Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und dem Beitrag dieser zum Gesamteinkommen der in massiver Armut lebenden Familien der Kinder. So sind in vielen Ländern die Familien häufig auf das zusätzliche Einkommen angewiesen, dass die Kinder mit ihrer Arbeit generieren. So stellt Huayou Cobalt, ein chinesischer Hersteller von Kobaltverbindungen, laut dem oben bereits erwähnten Bericht von Amnesty International bezogen auf den Kleinstbergbau im Kongo folgendes fest: Würden sie die Geschäftsbeziehungen zu ihren kongolesischen Partnern einstellen, könnte sich die Armut, die bereits unter den Bergarbeitern herrscht, weiter verschärfen. Laut Huayou könnte bereits eine zeitlich beschränkte Aussetzung der Handelsbeziehungen gravierende Folgen für die kongolesischen Arbeiter und ihre Familien haben. Dies dürfte auch zumindest teilweise für die Textilindustrie gelten, wo von SOMO und ICN (2014, pdf) berichtet wird, dass Kinder in Indien – gerne aus Dörfern, wo es zuvor Missernten gegeben hat – oder deren Eltern bereits in der Textilindustrie tätig sind, mit falschen Versprechungen zur Arbeit in den Fabriken angeworben werden. Auch diese Kinder tragen dann einen Teil des Familieneinkommens bei. Dies führt dann oft in einen Teufelskreis: Die Kinder arbeiten, anstatt die Schule zu besuchen oder brechen die Schule ab, der Bildungsstand bleibt niedrig, und die nächste Generation gerät in den gleichen Teufelskreis. Selbst UNICEF formuliert auf ihrer Infoseite zum Thema Kinderarbeit, dass „[…] nicht alle Arbeit, die Kinder leisten, […] verwerflich [ist].“ Unter Umständen, so heißt es weiter, kann diese sogar positive Effekte haben, beispielsweise hinsichtlich des familiären oder gemeinschaftlichen Zusammenhalts und dem Sammeln von Erfahrung. UNICEF schließt aber jene Art Arbeit, die gegen die UN-Kinderrechtskonvention (pdf) verstößt, deutlich aus.

Als wirksame Ansätze gegen die Kinderarbeit benennt UNICEF zuvorderst die Verantwortung der jeweiligen Regierungen sowie den Zugang zu (kostenloser) Bildung und die Wahrnehmung der Verantwortung von Unternehmen und Verbrauchern (genau, damit sind wir gemeint). Dies überschneidet sich mit den Ergebnissen des Berichts „Flawed Fabrics“ von SOMO und ICN. Die ILO sieht zusätzlich konkret auch eine angemessene soziale Absicherung als wichtig an um zu verhindern, dass sich ganze Haushalte auf Kinderarbeit stützen müssen. Ebenso wird eine gewerkschaftliche Organisation als hilfreich zur Beendigung von Kinderarbeit angesehen.

Ein Eisberg namens Ausbeutung

Kinderarbeit – die Spitze. Darunter kommt mehr.

Kinderarbeit ist ein besonders grell hervortretender Aspekt der Ausbeutung. Sicherlich liegt dies auch daran, dass sich inzwischen in der westlichen Welt der Gedanke der schützenswerten Kindheit besonders durchgesetzt hat: Kinderarbeit bedeutet oft eine verlorene Kindheit, mit der fehlenden Möglichkeit, Bildungs- und Entwicklungschancen wahrzunehmen und mit entsprechenden Folgen für das spätere Erwachsenenalter (siehe z. B. auch „The Health Impact of Child Labor in Developing Countries: Evidence From Cross-Country Data“, Roggero et al 2007 oder „Child Labour: The Effects of Globalisation“, Rahman & Khanam 2012). Ganz oben stehen sicherlich jene Kinder, die in besonders gefährlichen Arbeitsfeldern tätig sind und/oder die weit unter dem Mindestalter auch für leichte Tätigkeiten liegen. Aufgrund der vorherrschenden Sichtweise, die bei uns herrscht und die sicherlich auch mit der geschichtlichen Befreiung der Kindheit von Arbeit einher geht, reagieren wir hier besonders sensibel. Oft gilt jedoch: Wo Kinder unter miserablen Bedingungen in großer Armut schuften müssen, schuften oft auch die Erwachsenen. Angefangen mit den Eltern und Familien der arbeitenden Kindern gibt es darüber hinaus eine große Zahl Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, die unter äußerst ungünstigen Konditionen arbeiten müssen – nur ein paar Beispiele:

  • Laut Bericht von SOMO und ICN verdienen indische Textilarbeiter*innen in einigen Firmen zwischen 40 € und knapp 70 € im Monat. Bei einem 26-Tage-Monat und Überstunden. In Indien liegt aber die Höhe eines existenzsichernden Einkommens bei mindestens 200 € im Monat. In den untersuchten Textilfabriken wurden pro Woche bis zu 68 Stunden gearbeitet – die in ILO-Übereinkommen festgelegte Maximalarbeitszeit liegt hierbei bei 60 Stunden (pdf). Arbeitsschutz und praktisch umgesetzte Sicherheitsstandards sind in den Fabriken teils nicht vorhanden. In Bangladesch sind nach dem weltweit beachteten, katastrophalen Unglück beim Einsturz des Rana Plaza Gebäudes 2013 mit 1135 Toten  zwar Entwicklungen hinsichtlich mehr Arbeitssicherheit in der Textilproduktion in Gang gekommen, laut Öko-Institut greifen diese jedoch zu kurz, um die Arbeiter*innen wirksam zu schützen. Unklar ist auch die Finanzierung höherer Sicherheitsstandards.
  • Bei der Produktion von Kaffee werden Kaffeebäuer*innen, Pflücker*innen und andere, an Anbau und Ernte des „schwarzen Goldes“ beteiligte Arbeitskäfte oft zu extrem schlechten Bedingungen beschäftigt. In Nicaragua liegt der Verdienst (Stand 2013) einer Kaffeepflücker*in oft zwischen ca. 1,70 € und 2,50 € pro Tag (notwendig für die Existenzssicherung – „living-wage“ – sind in Nicaragua ca. 133 €, was einem Tageseinkommen von ca. 4,45 € entspricht), dazu kommen, wie bei den indischen Textilarbeiter*innen, häufig fehlende Arbeitsverträge. Außer der „üblichen“ Kinderarbeit, die auch in der Kaffeeproduktion eine Rolle spielt, sind die Arbeitsverhältnisse teils je nach Anbauland vergleichbar mit Sklaverei und; außerdem werden oft Pestizide von extremer Toxizität verwendet, die zu schweren gesundheitlichen Problemen bis hin zum Tod führen können – dabei sind die Pestizide nicht das einzige Problem für die Gesundheit: Gefährliche Transporte zur Arbeit und miserable Trinkwasserqualität gibt es oft noch „umsonst“ dazu (siehe z. B. „Bitter kaffee“, DANWATCH, vom 02.03.2016). Offenbar bieten hier auch Zertifizierungssysteme wie von Utz oder der Rainforest Alliance nicht immer ausreichenden Schutz.
  • Die Produktion von nicht nur elektronischen Artikeln aller Art in China (hervorzuheben ist das Gebiet rund um Shenzen) fußt auf billigen Arbeitskräften, die mit langen Arbeitszeiten und exzessiven Überstunden, fehlenden grundliegenden Sozialversicherungen und Streikverbot eindrucksvolle Wachstumsraten für das Land generieren. Unabhängige Gewerkschaften sind zudem verboten (siehe z. B. „Exploitation and Resistance: A Comparative Analysis of the Chinese Cheap Labour Electronics and High-Value Added IT Sectors“, Bieler & Lee 2016). In der Spielzeugproduktion können anfallende Überstunden die gesetzlich geregelte Maximalarbeit teils bis um ein Dreifaches übertreffen – bei Arbeitstemperaturen die teilweise 30 Grad überschreiten und ungenügendem Schutz beim Hantieren mit giftigen Chemikalien.

Die Ausbeutung ist also vielfältig: Dabei gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Armut und mangelnder Bildung. kommen beide Faktoren zusammen, ist das Risiko, ausgebeutet zu werden, besonders hoch. Allerdings beschränken sich die Dimensionen des „Eisbergs“ Ausbeutung nicht nur auf menschliche Ressourcen.

Umweltschutz und Co.

Auflagen und Vorschriften bezüglich des Umweltschutzes können die Güterproduktion nicht unwesentlich teurer machen. Dass sich durch entsprechend geringen oder nicht vorhandenen Arbeitsschutz Güter günstiger produzieren lassen oder der Abbau von Rohstoffen wesentlich billiger möglich ist, kann nach den vorigen Kapiteln nachvollzogen werden: Gäbe es in den Minen des Kongos ähnliche Vorschriften wie beim Bergbau in Deutschland mit einer Berufsgenossenschaft (BG RCI) und gewerkschaftlicher Organisation, die an einer Regulierung des Arbeitsschutzes mitwirken, so würde dies den Abbau erheblich verteuern. Regt sich dann Widerstand gegen die Arbeitsbedingungen, zieht man im Zweifelsfall als Produzent ins nächste Land weiter, wo es sich weiterhin billigst mit günstigen Arbeitskräften produzieren lässt.

Für die global agierende Industrie sind Ressourcen aus Ländern wie der Demokratische Republik Kongo, in welcher bis vor kurzem ein langer, blutiger Bürgerkrieg mit ca. 6 Millionen Opfern herrschte und die politische Situation nach wie vor nicht stabil zu nennen ist(so gab es z. B. erst vor Kurzem, wie die UN berichtet, viele Tote im Rahmen von gewalttätigen Ausschreitungen mit ethnischem Hintergrund), mit gewissen Vorteilen verbunden. Umwelt- und Arbeitsschutz sind Dinge, die vermutlich auf der politischen Agenda nicht ganz oben stehen, was natürlich im Endeffekt zu „günstigeren“ Rohstoffpreisen führt. Der Bericht von Amnesty (der im Übrigen auf einem 2016 vorangegangenen Bericht fußt) zeigt deutlich, dass noch deutlicher Nachholbedarf bezüglich der menschenrechts-gerechten Gestaltung der Lieferketten vorhanden ist.

Laut einem Greenpeace-Bericht von 2016 profitieren (nicht nur) Textilproduzenten auch in China von schwachen Umweltauflagen, so sind wohl in China bereits zwei Drittel aller Flüsse und Seen mit Schadstoffen verschmutzt, die in Mensch und Tier nachweisbar sind (einen Überblick über die generellen Umweltauswirkungen der Bekleidungsindustrie gibt es hier). Laut WWF sind in China „[…] das Ausmaß und die Folgen der Umweltschäden nicht mehr zu übersehen […]“. Dies hat wohl auch dazu geführt, dass Umweltschutz dort inzwischen auch ein Thema bei der Regierung ist und z.B. auch der Ausbau erneuerbarer Energien angegangen wird. Nach wie vor ist die Luftverschmutzung in China allerdings ein riesiges Problem, wohl gut ein Drittel aller Todesfälle in China ist auf den Smog zurückzuführen. Bei der Herstellung der Rohstoffe für die Textilproduktion in Asien werden oft massive Umweltverschmutzung, Vergiftungen und Tierleid in Kauf genommen (siehe z. B. „Leder: Tierleid und Umweltverschmutzung“, Albert-Schweizer-Stiftung vom 21.08.2016, Übersicht zu Baumwolle in Indien auf wwfindia.org, „Cotton production linked to images of the dried up Aral Sea basin“, Guardian vom 01.10.2014).

Und jetzt: Einfach weiter so?

Konsum: Auf Wissen folgt nicht gleich Handeln

Eigentlich sind die angesprochenen Dinge nicht neu: Von der Kinderarbeit über die generelle Ausbeutung von Arbeitnehmern in Entwicklungs- und Schwellenländer bis hin zu den großen Problemen mit dem Umweltschutz – es gibt regelmäßig etwas dazu zu lesen und für alle, die es gerner sehen oder vorgetragen bekommen, gibt es regelmäßig Sendungen zu diesen Themen im Fernsehen und im Radio. Wenn man in bestimmten, größeren deutschen Innenstädten unterwegs ist, so kann man sie fast nicht übersehen, die Fast Fashion Konsumenten mit den großen braunen Tüten; Oft nicht nur einer, sondern drei, vier fünf braunen Tüten mit dem blauen Logo des Billighändlers, Primark, der mit wachsendem Erfolg in Deutschland expandiert. Über Kanäle wie YouTube wird dann beispielsweise im Rahmen von Shopping-Haul-Videos die Ausbeute ausgebreitet und zelebriert. Reichte bis vor einiger Zeit noch ein neues Mobiltelefon alle 24 Monate, so gibt es inzwischen Vertragsmodelle, in denen bereits nach 12 Monaten ein neues Gerät fällig wird. Dabei stellt das Recycling alter Smartphones auch die Profis vor Schwiergkeiten, verklebte und auf andere Weise untrennbar miteinander verbundene Komponenten sei Dank. Reparabel sind viele der modernen, tragbaren Geräte dann auch nicht mehr. Besonders traurig ragt beispielsweise dieses Surface-Laptop von Microsoft heraus, aber auch Geräte anderer Hersteller taugen regelmäßig nur noch zur Entsorgung, wenn ein Defekt auftritt.

Auch radikaler Konsumismus ist ein großes Problem. Das Bedürfnis nach immer neuen, möglichst billigen Konsumgütern sorgt dafür, dass immer mehr Produkte mit immer Kürzeren Lebenszyklen in Umlauf geraten, die sich möglichst nicht mehr selbst reparieren lassen (es gibt inzwischen schon eine Gegenbewegung für das „Recht auf Reparatur“) und schnell durch neue Güter ersetzt werden wollen. Selbstverständlich wird auch versucht, „Einkaufen als Erlebnis“ zu vermarkten und mit diesem Etikett selbst den profansten Artikel zu versehen. Auf Dauer wird das vermutlich unsere Welt nicht aushalten – eine endliche Welt kann nicht unbegrenzten Konsum und damit verbundenes, unendliches Wirtschaftswachstum verkraften.

Dabei ist eigentlich interessant, dass die entwickelten westlichen Länder jene Dinge, die sich in den Schwellenländern und Entwicklungsländern abspielen, noch gar nicht so lange überwunden haben: Zivilisatorische Errungenschaften wie geregelte Arbeitszeiten, Gewerkschaften, Urlaub, Kranken- und Sozialversicherungen oder das Verbot von Kinderarbeit sind Dinge, auf die kaum jemand ernsthaft verzichten möchte und die zum Teil sehr hart erkämpft wurden. Anders ist es, wenn dies anderswo auf der Welt geschieht. Ganz offensichtlich gibt es ein Maß „für uns“ und „für die anderen“. Für die günstigen Schnäppchen wird dann oft ausgeblendet, dass den Preis andere zu bezahlen haben.

Besonders schwierig ist, das sozialverträgliches, umwelt- und tierschonendes Konsumverhalten ohne Verzicht nicht gehen wird. Das heißt eben nicht jedes Jahr ein neues Smartphone, keine T-Shirts für 2,50 €, weniger erlebnis- als bedarfsorientiertes Einkaufsverhalten. Es bedeutet auch, sich zu informieren, woher die Dinge kommen, die man kaufen möchte und Dinge – auch wenn sie schön sind – im Zweifel auch mal im Laden zu lassen. Aber: Ohne Genügsamkeit wird auch nachhaltiger Konsum scheitern – das beste Auto ist eben nicht das Elektroauto, sondern jenes, dass gar nicht erst gebaut werden muss. Hier liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich zurückzunehmen und entsprechend zu handeln. Diese Verantwortung kann auch nicht an die Unternehmen oder Regierungen abgegeben werden. Leicht wird das nicht, denn es heißt auch, die eigenen Gewohnheiten und Handlungsmuster zu hinterfragen – denn wir sind fast alle irgendwie Gewohnheitstiere.

Supply Chain Management und Corporate Social Responsibility

„Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können.“ – Die Budenbrooks, Thomas Mann

Thommen und Achleitner beschreiben in ihrem Grundlagenwerk zur allgemeinen Betriebswirtschaftslehre Supply Chain Management als „[…] das Management der Beziehungen zwischen allen Funktionsbereichen der Wertschöpfungskette. (Quelle siehe unten)“ Dabei geht es einerseits um die im Unternehmen ablaufenden Prozesse in der Materialwirtschaft (z.B. Lieferantenauswahl, Bestellungen, Lagerung), andererseits auch um die Berücksichtigung der Kundenbedürfnisse und des Absatzmarktes (z. B. unterschiedliche Netzteile bei Elektrogeräten je nach Land, Einbauzeitpunkt, Individualisierung von Produkten o.ä.). Die Verantwortlichkeit der Unternehmen beginnt ganz vorne an der Lieferkette: Nämlich bei der Auswahl der Lieferanten. Das bedeutet beispielsweise, dass man als Unternehmen wert darauf legen sollte zu wissen, wo die Rohstoffe herkommen, die in der eignenen Produktion oder von Zulieferern verwendet werden. Dazu gehört auch, Aussagen der Lieferanten bezüglich der Herkunft ihrer Rohstoffe oder ihre Produktionsbedingungen zu überprüfen – gegebenen falls auch direkt vor Ort.

Corporate Social Responsibility (CSR) ist ein Begriff aus der Wirtschaftethik und setzt sich mit den verschiedenen Aspekten der Verantwortung von Unternehmen und Organisationen gegenüber der Gesellschaft und umfasst, legt man DIN ISO 26000 zugrunde, die Kernthemen „[…] Organisationsführung, Menschenrechte, Arbeitspraktiken, Umwelt, Konsumentenanliegen, faire Betriebs- und Geschäftspraktiken sowie Einbindung und Entwicklung der Gemeinschaft […]“. Unterhaltsam und einfach erklärt dieses etwas ältere Video des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen den Begriff CSR (YouTube). Ziel des CSR ist zu vorderst ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung unter Berücksichtigung der Stakeholder (z. B. Mitarbeiter, Zulieferer, aber auch Umwelt, Staat und Gesellschaft) und ihrer Interessen. Dabei ist CSR als „lebendes“ Instrumentarium und Regularium in die jeweilige Organisation integriert (und nicht zu verwechseln mit übergestülpten Compliance-Systemen). CSR soll auch dem Rechnung tragen, dass das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns, wie es dass einleitende Zitat darstellt, aus indvidualethischer Perspektive sicherlich die Basis von Geschäftsbeziehungen sein kann, aber alleine in der komplexen, globalisierten Wirtschaft kaum ausreichend ist. Es geht also um die Art, wie ein Unternehmen handelt und die damit verbundene Verantwortung für die Folgen dieses Handelns.

Besonders bei den Kernthemen Menschenrechte, Arbeitspraktiken und Umwelt kreuzen sich dann CSR und Supply Chain Management. Und ganz offensichtlich gibt es hier deutliche Defizite. Wenn wir uns den Amnesty Bericht von 2017 zu den Mängeln in der Kobalt-Lieferkette anschauen und einige der benannten Unternehmen herauspicken, so fällt auf, dass diese Organisationen oft Leitlinien, CSR-Regeln oder sogenannte „Codes of Conduct“ ihrem Handeln zugrunde gelegt haben: Sony beispielsweise sagt zwar laut Amnesty (bereits weiter oben verlinkter Report „Time to Recharge“) aus, dass von deren Seite aus über ein dutzend Lieferanten für Lithium-Ionen-Akkus untersucht hat, macht aber nicht transparent, um welche es sich dabei handelt und ob und welche Schritte unternommen wurden, um die Informationen der Lieferanten zu verifizieren. So konnte festgestellt werden, dass fünf dieser Lieferanten offenbar Konalt aus dem Kongo beziehen. Aufgrund mangelnder Informationstransparenz konnte allerdings nicht nachvollzogen werden, welche Lieferanten dies waren – was generell die Aussagen von Sony diesbezüglich kaum überprüfbar macht. Von Seiten Amnestys wurde auch nachgefragt, ob die im Bericht untersuchten Unternehmen „robuste“ Richtlinien und Systeme installiert haben, um Menschenrechtsverletzungen und -risiken in ihrer Kobaltlieferkette aufdecken zu können. Auch in diesem Bereich wird für Sony festgestellt, dass die getroffenen Maßnahmen als „minimal“ zu bewerten sind. Dies trifft auch auf die restlichen der fünf von Amnesty gestellten Fragen bezüglich der Kobaltlieferkette des Unternehmens. Wenn man den internationalen Internetauftritt von Sony anschaut, gibt es jedoch einen großen Bereich der sich der Darstellung des CSR und der „Responsible Supply Chain“ widmet: „Sony respects the human rights of all stakeholders in our business operations and supply chains.Schaut man sich die Lieferkette von Sony an, so wird hier Afrika überhaupt nicht als Herkunftkontinent dargestellt, aus welchem Sony überhaupt Rohstoffe oder Produkte/Teile bezieht. Nimmt man nun die Informationen aus „Time to Recharge“ hinzu, könnte man vermuten, dass die „Corporate Social Responsibility“ beim jeweiligen Teilefertiger oder Rohstoffbeschaffer (im Falle von Kobaltbeinhaltenden Teilen/Akkus/Produktvorstufen z. B. in China) endet. Im schlimmsten Fall hieße dass, das der Zulieferer des Zulieferers (z. B. ein Bergbauunternehmen) tun und lassen könnte, was es wollte, wenn der Zulieferer selbst nicht Standards anwendet, um Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschädigungen zu vermeiden bzw. zu unterbinden. Dabei ist Sony nur als exemplarisches Beispiel zu sehen, besonders schlecht oder teilweise noch schlechter als Sony stehen bezüglich der Kobaltlieferkette laut Amnesty z. B. Huawei, Lenovo, Vodafone oder Renault da.

Verlässt man den Technologiesektor und schaut auf die Textilbranche, so sieht es hier wohl im großen Ganzen nicht besser aus. Bekleidungshersteller lassen beispielsweise in Burma/Myanmar produzieren, einem Land, dass nach langer Herrschaft durch eine Militärdiktatur auch heute noch nicht im Ruf steht, Hort von Menschenrechten zu sein. Eher bekannt ist das Land aktuell für seine ethnischen Säuberungsaktionen gegenüber der muslimischen Rohingya-Minderheit. Wie der Spiegel Online berichtete, ist Myanmar die „Billigwerkbank“ für Unternehmen wie H&M, Takko oder Primark. Dabei werden oft auch Jugendliche an der unteren Grenze des ILO-definierten Mindestalters von 14-Jahren für reguläre Arbeitstätigen (Ausnahme für Entwicklungsländer, siehe Tabelle oben) beschäftigt die teils unter dem gesetzlichen Mindestlohn bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten müssen – auch, um einen wichtigen Beitrag zum Einkommen der Familie zu leisten. Dabei stützt sich Spiegel Online auf eine Studie von SOMO, „The Myanmar Dilemma“ (im August 2017 ergänzt). In dieser wird  Myanamar als ein Land charakterisiert, dass sich hinsichtlich der Arbeitssituation durch kaum vorhandene, freie gewerkschaftliche Organisiation, einen niedrigen gesetzlichen Mindestlohn von ca. 2,48 € täglich (unterhalb dessen, was als „living-wage“, siehe weiter oben, bezeichnet werden kann), exzessive und teils unvergütete Überstunden, nicht vorhandene Arbeitsverträge und Kinderarbeit auszeichnet.  H&M als konkretes Beispiel bezieht seit 2013 Waren aus Myanmar und begründete SOMO gegenüber die Wahl des Produktionsstandortes daraus, dass Myanmar eine lange Geschichte als Produktionsland von Bekleidung hat und es dort befähigte Arbeitskräfte für bestimmte Textilprodukte gibt. Es gab Risikoanalysen durch H&M und die Lieferanten vor Ort mussten H&Ms Regeln zur Ethik und Nachhaltigkeit unterschreiben. H&M überprüft mit einem Nachhaltigkeitsteam vor Ort viermal jährlich seine Lieferanten und unterstützt diese hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung. Trotzdem hat SOMO in zumindest einer Fabrik, in der auch H&M produzieren lässt festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit der dortigen Arbeiter*innen keinen Arbeitsvertrag vorweisen kann. Hier ist positiv festzustellen, dass H&M relativ schnell bereits auf die Entwurfsversion des Berichts von SOMO reagierte und dafür gesorgt hat, dass die Arbeiter*innen Arbeitsverträge erhalten haben. Auch wenn bei dieser Gelegenheit auch die in jener Firma bezahlten Gehälter überprüft wurden, so scheint es wohl immer noch so zu sein, dass das „Grundgehalt“ über zumindest die ersten drei Monate bei umgerechnet 1,37 € liegt, also weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn in Myanmar. Verwarnungen treten in den verschiedenen Fabriken in Kraft wenn das Produktionsziel nicht erreicht wird, beim Sprechen während der Arbeitszeit, bei Urlaub, Verspätung oder bei Wiederrede gegenüber dem Vorgesetzten (üblicherweise erfolgt die Kündigung nach drei Verwarnungen). Lohnabzüge wurden teilweise auch an Krankentagen durchgeführt. In zwei Fabriken, die H&M beliefern, wurden darüberhinaus exzessive Überstunden von über 60 Stunden pro Woche berichtet, was auch den Standards der ILO nicht entspricht. In einer der beiden Fabriken wurden Überstunden mit Zwang durchgesetzt, in der anderen nicht bezahlt. Teilweise wird der Arbeitsschutz sehr lax gehandhabt, teils gibt es keine adäquate Trinkwasserversorgung in den Fabriken und teils werden die Toiletten nur gereinigt, wenn Einkäufer die Fabrik besichtigen. H&M hat inzwischen auch eine „Sustainability Site„, die H&Ms nachhaltiges Wirken beschreiben soll. Vorbildlich ist hier, dass weltweit die Lieferanten mit ihren Adressen offengelegt werden. Sucht man dann aber tatsächliche Aussagen, so fasst sich H&M bezüglich Menschenrechte hinsichtlich Lieferanten doch recht kurz. Man nutzt Werkzeuge um Menschenrechtsprobleme zu identifizieren oder fördert die Menschenrechte dort, „wo es angemessen ist“, was doch eine recht nebulöse Formulierung ist. Auch hier scheint es sich so zu verhalten, dass es zwar Ideen und Ansätze gibt, wie es gehen könnte, aber offenbar eine wirksame Implementierung dieser – so suggeriert SOMOs Report – nicht sichergestellt ist. Wie oben beim Kobalt-Beispiel, gibt es auch hier viele andere, die nicht besser dastehen – trotz umfangreicher Absichtserklärungen und Standards.

Umwelt- und Tierschutz sind in diesen beiden Beispielen noch nichtmal erwähnt – aber festzuhalten gilt, dass die Verantwortung der Unternehmen in der Etablierung eines wirksamen, transparenten (d.h. nachprüfbaren) und proaktiven Supply-Chain-Managements sowie regelmäßig kontrollierten, ethischen Richtlinien liegt, wenn sie in „riskanten“ Ländern produzieren wollen oder von dort Rohstoffe beziehen. Insbesondere der Report von Amnesty macht deutlich, dass die Lieferkette von Rohstoffquelle beginnend an betrachtet werden sollte.

Regierungshandeln im Strudel der globalen Märkte

Während die Globalisierung einen weltumspannenden Prozess darstellt, in dem sich Unternehmen bewegen, ohne an Landesgrenzen gebunden zu sein, wird das Wirken von Regierungen was ihre Einflussnahme auf die wirtschaftliche Entwicklung angeht, häufig auf die nationalstaatlichen Grenzen beschränkt. Das bedeutet auch, dass Unternehmen dort produzieren können, wo für sie die jeweils günstigsten Bedingungen herrschen. Man nutzt also Standortvorteile wie billige Arbeitskräfte, geringe Umweltschutzauflagen, niedrige Steuern o.ä. um die eigene Produktion zu optimieren und den Gewinn möglichst zu maximieren. Verbunden mit einer entsprechenden Flexibilität kann dies auch bedeuten, dass die Produktionsstandorte bzw. Zulieferbetriebe gewechselt werden, wenn es anderswo günstigere Bedingungen gibt. Das kann auch bedeuten dass im Falle dessen, dass ein Land beispielsweise sein Engagment in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder des Umweltschutzes erhöht, die Unternehmen Zulieferer andernorts suchen oder ihre Produktion verlagern. Hier hinken die Regierungen der Globalisierung immer ein wenig hinterher.

Daher spielen hier internationale Vereinbarungen zwischen den Ländern eine wichtige Rolle. Organisationen wie die bereits mehrmals erwähnte ILO (auf Deutsch auch gerne IAO abgekürzt) formulieren auf internationaler Ebene Standards zu Arbeitsbedingungen oder Sozialnormen, die von vielen Staaten weltweit anerkannt und ratifziert sind – z. B. das wichtige Übereinkommen 138 zum Mindestalter von Arbeitnehmern (das leider im Kongo z. B. nicht ratifiziert wurde). Weitere, wichtige übernationalstaatliche Organisationen sind hier beispielsweise die UNO, die FAO (Food and Agriculture Organisation), die Weltbank oder die WTO. Eine wichtige Rolle spielen auch internationale NGOs wie Greenpeace, WWF, Amnesty International oder auch attac, die sich aktiv für die Verbesserung in bestimmten internationalen Themenfeldern einsetzen.

Regierungen versuchen also, im Rahmen von Bündnissen und Abkommen bedeutsame Angelegenheiten, die nicht innerhalb von staatlichen Grenzen geregelt werden können, Vereinbarungen zu treffen. Der Weg der global agierenden Unternehmen kann dann aber sein, Ware aus jenen Ländern zu beziehen, die außerhalb dieser Regelungen stehen bzw. diese nicht ratifiziert haben. Außer dem Kongo hat auch das oben beispielhaft angesprochene Myanmar sowie auch Bangladesch das Übereinkommen 138 der ILO nicht ratifziert (interessanterweise haben das übrigens die USA auch nicht). In Indien tritt dieses erst im Juli 2018 in Kraft. Auch die Konvention 087, die Übereinkunft über die Freiheit der Arbeiter, sich zusammenzuschließen und zu organisieren, z. B. in Gewerkschaften, wurde  beispielsweise von Indien nicht ratifiziert. Allein das Ratifizieren oder Nichtratifizieren der Übereinkommen ist noch kein Garant für deren wirksame Umsetzung (wie man an der Kinderarbeit in den Bergwerken im Kongo sehen kann – obwohl auch dort seit 2002 das Übereinkommen 182 gilt, welches die schlimmsten Formen der Kinderarbeit verbietet).

Nun könnte man es sich als westliche Regierung recht einfach machen und die Verantwortung den jeweiligen Staaten zu schieben, in welchen die Zulieferer der Unternehmen sitzen oder diese Produktionsstandorte unterhalten, denn man ist ja in der komfortablen Situation, dass in der eignenen Nation bereits (weitgehend) faire Arbeits- und Lebensbedingungen zu haben (die teils hart erkämpft wurden). Das wäre aber doch eigentlich zu leicht: Schließlich haben viele der global agierenden Unternehmen ihren Sitz in den USA oder Westeuropa wo oft auch die Produktentwicklung stattfindet. Daher tragen auch die hiesigen Regierungen zumindest eine Mitverantwortung für die Art und Weise, wie und wo die Unternehmen ihre Produktion outsourcen. Viele Produkte werden z. B. auf Schadstoffe, Ergonomie oder Produktsicherheit geprüft, in Deutschland gibt es ein umfassendes Produktsicherheitsgesetz, welches seit 2011 unter anderem die Anforderungen, die ein Produkt erfüllen muss, um auf dem Markt bereitgestellt zu werden, regelt. Man könnte sich also durchaus fragen, warum es keine Anforderungen bezüglich der Bedingungen, unter denen ein Produkt hergestellt wird, gibt. So könnte man vor dem Import eines Produkts durchaus nachfragen, ob dieses oder seine Teile oder Rohstoffe

  • aus einer akuten Krisenregion oder einem sogenannten gescheiterten Staat (auch failed state/fragile state, hier ist z. B. die Demokratische Republik Kongo  2016 im Fragile State Index auf Platz 8 mit Very High Alert-Status) stammen,
  • aus einem Staat stammen, dessen Regierung des Herkunftslandes zumindest die fundamentalen ILO-Konventionen ratifiziert und in geseztliche Regelungen überführt hat,
  • ihre Herkunft in Ländern haben, die ungeachtet der obigen Bedingungen sich durch die Verletzung von Menschenrechten generell hervorgetan haben.

Es läge dann in der Verantwortung der jeweiligen Regierung, aus diesen Erkenntnissen Handlungsschritte abzuleiten. So wären – man mag jetzt Protektionismus schreien – daraus resultierende Importbeschränkungen oder -auflagen mögliche Konsequenzen.

Fazit: Dreigeteilte Verantwortung

Oft sagt man, die Ökonomie folge häufig utilitaristischen Prinzipien. Wenn aber klassischer Utilitarismus nach dem größten Glück für die Meisten strebt, so ist es doch oft umgekehrt, wenn man die Globalisierung anschaut: Maximales Glück für wenige Priviligierte auf Kosten des großen Rests. Die Verantwortung, dies zu ändern, liegt aber bei allen an der Ausbeutung der „Werkbänke“ und Rohstoffquellen der Welt profitierenden und beteiligten Akteuren:

  • den Konsumenten, die durch ihre Nachfrage nach bestimmten Produkten eine gewisse Macht am Markt haben,
  • den Unternehmen, die durch die Schaffung eines transparenten Supply-Chain-Managements (am besten „Cradle-to-Cradle„, d.h. vom Rohstoff bis zum Recycling oder zur Wiederverwertung), das wirksam Risiken identifizieren kann und eine gelebte Unternehmensverantwortung, die über die rein auf Regelkonformität und Legalität ausgelegte Compliance hinaus geht und Wachstum auf Basis von Menschenrechtsverletzungen, irreversibler Umweltschäden auch auf Kosten zukünftigen Generationen vermeidet (Unternehmenshandeln muss Anschlussfähig sein und langfristig nachhaltig wirken).
  • den Regierungen der Importländer, die über die Ausgestaltung von Regeln zu Produktanforderungen steuern können, was auf dem heimischen Markt landen darf und was nicht und die auch über Abkommen und Investitionen Einfluss auf die Herkunfts-/Produktionsländer nehmen können.

Hierbei sollte auch gelten, dass wir aus der Geschichte lernen sollten und der Weg zu einer Welt hin führen sollte, in der nicht mit zweierlei Maß gemessen werden sollte: Warum sollen andere für unseren Wohlstand zu bedingungen Arbeiten, die wir niemals akzeptieren würden? Dabei sind insbesondere klassische, arrogante Ausreden wie „Die kennen es ja nicht anders“ oder „sonst hätten die Leute ja überhaupt keine Arbeit“ zu vermeiden.


Quellen und mehr

Literatur

  • J.-P. Thommen und A.-K. Achleitner 2012: „Allgemeine Betriebswirtschaftslehre – Umfassende Einführung aus managementorientierter Sicht“, 7., vollständig überarbeitete Auflage, Springer Gabler Fachmedien Wiesbaden
  • Höffe, Otfried (Hrsg.) 2003: „Einführung in die utilitaristische Ethik“, 3. aktualisierte Auflage, A. Francke Verlag Tübingen und Basel
  • R. Khanam und M. Mafizur Rahman 2012: „Child Labour: The Effects of Globalisation“, Darling Heights, Toowoomba (veröffentlicht bei Researchgate.net), https://www.researchgate.net/publication/261511956_Child_Labour_The_Effects_of_Globalisation (Besucht am 11.12.2017)
  • A. Bieler und C.-Y. Lee 2016: „Exploitation and Resistance: A Comparative Analysis of the Chinese Cheap Labour Electronics and High Value Added IT Sectors“, in: Globalizations Vol. 14, Ausgabe 2/2017, Taylor & Francis, London, Online veröffentlicht am 15.07.2017, http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14747731.2016.1204698?scroll=top&needAccess=true (Besucht am 11.12.2017)

Studien und Berichte

Sonstige Publikationen

Blogartikel und andere Internetquellen

 

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