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Fairmast – Gibt es faire Geflügelmast?

Vor kurzem habe ich wieder einmal unerwünschte Werbung in Form von einem Stapel Prospekte, der gewaltsam in meinen Briefkasten gestopft wurde, erhalten. In dem beiliegenden Prospekt des Discounters Kaufland fand ich ein Angebot unter dem Label „Fairmast“, das Hähnchen aus „schonender Aufzucht“ versprach. Fairness in Bezug auf die Geflügelmast war nun doch etwas ganz Neues – Grund genug, sich damit einmal auseinander zu setzen.

Zunächst begab ich mich auf die Website des Herstellers und wurde dort von einer, nun, eher lebensbejahend gestalteten Landing Page begrüßt. „Fairmast – Geflügel aus tierfreundlicher Aufzucht“ heißt es da und auf einem Reiter oben rechts steht noch: „Gut für die Tiere“. Ein Blick ins Impressum verrät, dass FairMast als Marke der Plukon Vertriebs GmbH, hinter der die Plukon Food Group steckt, zu sehen ist. Auf deren Website stellt sich Plukon dar als „[…] einer der größten Akteure in der Geflügelbranche […]“ in Europa dar mit siebzehn Standorten „[…] in den Niederlanden, Deutschland, Belgien und Frankreich, mit einem wöchentlichen Schlachtvolumen von 7,6 Mio. Hühnern.“ In Deutschland steht Plukon laut der Wikipedia momentan auf Platz 5 der umsatzstärksten Unternehmen der Geflügelwirtschaft. Die Plukon Food Group, die hinter FairMast steckt, ist also ein großer Spieler im Hühner-Business. Was mir sprachlich auf beiden Seiten auffällt, ist die Verwendung des Komparativs: „Tierfreundlicheres Hühnerfleisch“ heißt es bei Plukon, „tiergerechtere Ställe“ auf der FairMast-Seite. Warum nicht tierfreundliches Hühnerfleisch oder tiergerechte Ställe. Oder sind das nur sprachliche Feinheiten? Wenn man sich weiter durch die FairMast-Seiten bewegt, so wird hier von der „[…] streng kontrollierten […]“ Einhaltung der Tierschutzkriterien sowie der „[…] Berücksichtigung spezieller Tierschutzaspekte […]“ gesprochen. Das Aufwachsen der Tiere läuft wohl langsamer auf – Hähnchen haben nach den FairMast-Standards zumindest 56 Tage zu leben, es gibt Tageslicht, und durchschnittlich nur 10 Tiere pro Quadratmeter. Außerdem gibt es „in der Regel“ keine Antibiotika: „Nur in Notfällen“ kommen diese nach tierärztlicher Veranlassung zu Einsatz. FairMast geht sogar soweit, den Blick via Webcam in einen ihrer Ställe zu ermöglichen. Für mich sieht das zunächst nach sehr vielen Hühnern aus. Auf ersten Blick sieht das irgendwie transparent und positiv aus. Aber kann man den Begriff Fairness hier verwenden?

Aus der Werbung...

Aus der Werbung…

Der herkömmliche Mastbetrieb

Hähnchenmast erfolgt im europäischen Raum häufig in einem geschlossenen Stall. Die Schlachtung der Tiere erfolgt in der Regel nach 32 bis 38 Tagen (Bei einer natürlichen Lebenserwartung von bis zu 8 Jahren). Dann haben die Tiere ein Gewicht von bis zu 2 Kilo erreicht. In der herkömlichen Geflügelmast werden häufig Antibiotika eingesetzt (2011 kam das Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen in einer Studie auf einen sehr hohen Anteil  aller Mastdurchgänge – siehe z.B. die SZ Online vom 28.10.2011 oder Spiegel Online vom 15.11.2011). Dabei geht es darum, die Tiere vor Krankheiten zu schützen. Kritisch zu sehen ist, dass dabei einerseits in der Gruppenhaltung kranke und gesunde Tiere gemeinsam behandelt werden und durch die Erzeugung multiresistenter Bakterienstämme hierdurch auch ein Problem für den Menschen entstehen kann (siehe z. B. proplanta vom 12.11.2013 oder recht aktuell NDR.de vom 29.08.2017). In der EU ist der Einsatz von Antibiotika als Mittel zur Wachstumsbeschleunigung verboten: Diese dürfen ausschließlich bei tiermedizinischer Notwendigkeit gegeben werden. Die Gabe von Antibiotika muss genau protokolliert werden. Seit dem 28. Juni 2007 gibt es in der EU die Richtlinie 2007/43/EG die eine Art Mindestvorschrift zum Schutz von Masthühnern darstellen soll und außschließlich die Hähnchemast regelt. Diese Richtlinie zielt auf das Tierwohl ab und hebt sich damit wohl deutlich vom Mainstream der Regelungen ab, die primär – wenn überhaupt – den Schutz des Konsumenten betreffen. Diese Richtlinie regelt unter anderem:

  • Bedingungen für die Hühnerhaltung (d.h. Anforderungen an die Ställe, Schlachtung, Besatzdichte der Ställe, Ausnahmen)
  • Schulung/Anleitung „von mit Hühnern umgehenden Personen (Teilnahme an Lehrgängen, Unterweisungen in Tierschutzfragen und in gängigen Tötungsmethoden)
  • Etikettierung von Hühnerfleisch
  • Berichtswesen im Rahmen der EU
  • Durchführung von Kontrollen
  • Leitlinienarbeit (Entwicklung von Best Practices im Betrieb)
  • Sanktionen bei Nichteinhaltung

Nach dieser Richtlinie ist eine Besatzdichte von maximal 33 kg/qm zulässig, was einer ungefähren Zahl von bis zu 17 (aufgerundet, 16,5) Hühnern pro Quadratmeter Stallfläche entspricht. Wenn Kontrollen innerhalb von zwei Jahren keinen Mangel darstellen konnten, Leitlinien für „gute betriebliche Praxis“ angewandt werden und die bestimmte Anforderungen hinsichtlich der Mortalitätsrate erfüllt werden, kann die Besatzdichte auf bis zu 39 kg/qm erhöht werden – entsprechend bis zu 20 (gerundet 19,5) Hühnern pro Quadratmeter. Die Richtlinie endet jedoch bei der Schlachtung; diese wird durch anderes EU-Recht reglementiert. In Deutschland liegen die nationalen Regelungen für die Hähnchenmast hinsichtlich des Tierwohls über den Mindeststandards, die die EU-Richtlinie definiert, insbesondere was die Stallhygiene angeht. Auch die Niederlande, aus denen Plukon und auch FairMast-Geflügel kommt, hat konkrete Vorgaben zur Besatzdichte definiert (wie oben ja bereits dargestellt, regelt die EU-Richtlinie nicht die konkrete Zahl des Besatzes, sondern kg pro Quadratmeter).

In der EU gentechnisch verändertes Futtermittel entsprechend der generellen Regelungen für die Tiermast (EU-VO 2003/1829 und 2003/1830) gekennzeichnet werden. Laut einer Studie des Handelsblatt Research Insititute zur Geflügelwirtschaft weltweit werden diese Richtlinien in keinem EU-Mitgliedsland übererfüllt (Stand 2016). Im Sinne der VO 2003/1829 dürfte genetisch verändertes Futtermittel keine Zutat im Sinne der VO sein, daher ist eine Kennzeichnung der mit genetisch verändertem Futter versorgten Masthähnchen nicht notwendig – Zitat des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: „Von der Kennzeichung ausgenommen sind Produkte, die von Tieren stammen, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden […]“

Wertfrei zusammengefasst: Die herkömmliche Hähnchenmast ist inzwischen zumindest in der EU reguliert. Die euweit gültigen Regulierungen umfassen einen großen Teil der Haltungsbedingungen für Masthähnchen, dazu gehören Besatzdichte, Hygienebedingungen im Stall, Antibiotika sowie Futtermittel. Bezüglich des Tierwohls werden die Standards, die die EU-Richtlinie vorgibt, von Deutschland sowie auch den Niederlanden übererfüllt.

Fairness – Auch für Tiere?

FairMast impliziert schon in der Wortzusammensetzung den Zusammenhang von Fairness und Mast. Fairness ist aber – ähnlich wie der oft damit verknüpfte Begriff der Gerechtigkeit – relativ weich und vergleichsweise dehnbar. Wir benötigen also als Maßstab zunächst eine Vorstellung von Fairness – also eine Definition, die die Grundlage für eine Bewertung der „fairen Mast“ darstellen kann.

Nachgeschlagen im „Lexikon der Ethik“ von Otfried Höffe verweist dieser auf den Begriff der Gerechtigkeit. Der Duden umschreibt die Bedeutung mit „anständiges Verhalten; gerechte, ehrliche Haltung andern gegenüber.“ Gerechtigkeit wird bei Duden online auch als Synonym für Fairness gelistet. Ob man nun der Auffassung ist, dass diese Worte nun bedeutungsgleich sind oder nicht: Wer sich eine Vorstellung von Fairness beschaffen möchte, muss sich wohl auch mit dem Begriff der Gerechtigkeit auseinandersetzen. Festzustellen ist, dass sich die landläufig anzutreffenden Vorstellungen von Gerechtigkeit vor allem auf zwischenmenschliche Interaktionen und Situationen beziehen: Das heißt Gerechtigkeit findet bei Beziehungen zwischen Einzelpersonen, Gruppierungen, Gemeinwesen oder Staaten Anwendung. Eine grundsätzliche Vorstellung von gerechtem Handeln ist, dass „Menschen unter gleichen Bedingungen gleich handeln und gleich behandelt werden (Höffe).“ Daraus ergibt sich ein Willkürverbot. Gerechtes Handeln verbietet ein Übervorteilen im Tauschhandel und erfordert die Wiedergutmachung angerichteter Schäden. Noch komplexer wird es, wenn man noch die unterschiedlichen Ansätze der Gerechtigkeit bei der Güterverteilung hinzuzieht. Kurz: Gerechtigkeit ist ein facettenreicher Begriff – es wird oft auch vom „Wert der Gerechtigkeit“ gesprochen und eine der „Kardinaltugenden“ aber an sich vor seiner Verwendung klärungswürdig insbesondere wenn er sich auf Tiere beziehen soll. Vor allem: Soll beziehungsweise kann für Tiere der gleiche Fairnessbegriff gelten wie für Menschen?

Bei Peter Singer, der ein Vertreter des Utilitarismus ist und der zu den Begründern der modernen Tierethik gezählt wird, kann vielleicht eine mögliche Idee gefunden werden, was Fairness oder Gerechtigkeit gegenüber Tieren angeht. In einem Aufsatz in Urban Wiesings Buch zur „Ethik in der Medizin“ äußert sich Singer erhellend im Zusammenhang zum Thema Schwangerschaftsabbruch: „ob ein Wesen ein Mitglied unserer Spezies ist oder nicht, ist für sich genommen für die Unrechtmäßigkeit des Tötens ebenso unerheblich wie die Frage, ob es ein Mitglied unserer Rasse ist oder nicht. Die Auffassung, die bloße Zugehörigkeit zu unserer Spezies, ungeachtet aller anderer Eigenschaften, sei von entscheidender Bedeutung für die Unrechtmäßigkeit des Tötens, ist ein Erbe religiöser Lehren […](Singer)“ Für Singer sind also die individuellen Eigenschaften eines Lebewesens entscheidend sowie ganz besonders die Eigenschaft, Schmerz und Wohlergehen empfinden zu können. Die Tötung eines Lebewesens wäre, auch weil allgemein Lebwesen ein Interesse am Weiterleben haben, zu meist moralisch verwerflich. Von dieser Position ausgesehen gäbe es dem Grunde nach ein universelles Recht auf Leben (in jedem Fall für alle Arten von Wirbeltieren) und eine deckungsgleiche, von der Spezies unabhängige Anwendung der Begriffe von Fairness und Gerechtigkeit. Damit wäre der Konsum von Fleisch und generell tierischen Produkten in nahezu allen Fällen moralisch verwerflich.

Das absolute Gegenteil dieser Position wäre es, Tiere als Dinge anzusehen und sie so zu behandeln. Mit einer solchen Haltung wäre es auch nicht notwendig, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sich fair beziehungsweise gerecht gegenüber Tieren verhalten könnte. Alle Ansprüche diesbezüglich könnten allenfalls die Tierhalter gegenüber Dritten gelten machen, beispielsweise wenn Tiere gestohlen oder unrechtmäßig getötet werden würden. Ein gerechter Ausgleich beispielsweise bezöge sich bei diesem Denkansatz aber nicht auf das Tier sondern auf den Tierhalter, dessen durch den Verlust des Tieres entsendender Schaden wiedergutgemacht werden soll. Hier würde das Tierwohl zunächst einmal gar keine Rolle spielen.

Wie könnte eine gemäßigtere Position zwischen beiden Extremen aussehen? Festzustellen ist zunächst, dass in §90a Abs. 1 Satz 1 BGB die Aussage getroffen wird, dass Tiere in Deutschland vor dem Recht keine Sachen sind und durch besondere Gesetze geschützt werden. Allerdings werden auf sie auch Vorschriften angewendet, die ebenso für Sachen gelten. Dies ist deshalb notwendig, da beispielsweise ansonsten Tierhandel nicht möglich wäre und auch die Arbeit z. B. von Tierschutzvereinen erschwert wäre. Ein Unfall, bei dem ein Tier zu Schaden kommt, wäre also eine Sachbeschädigung, während eine vorsätzliche Verletzung eines Tieres Tierquälerei sein kann, was ein anderer Straftatbestand wäre. Weiter wird in §1 Abs. 1 Satz 1 TierSchG festgestellt, dass Tiere Mitgeschöpfe sind, deren Leben und Wohlbefinden es zu schützen gilt: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. (§1 Abs. 1 Satz 2 TierSchG)“ Schon der Einschub des „vernünftigen Grundes“ lässt erahnen, dass sich hier eine Lücke auftun könnte. Dieser Vorbehalt des vernünftigen Grundes findet sich übrigens auch in §17 Abs. 1 Satz 1 TierSchG wieder, wo es um die Strafe für die Tötung eines Wirbeltieres geht. Von der rechtlichen Stellung her sind in Deutschland Tiere also keine Objekte sondern Lebewesen, die schützenswert sind, deren rechtliche Stellung sie allerdings vom Rang her dem Menschen nachordnet. Eine Tötung aus einem sogenannten „vernünftigen Grund“ ist wie oben bereits erwähnt, erlaubt, aber nur dann, wenn derjenige, der das Tier tötet, die dazu notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse hat und es muss auch eine wirksame Betäubung der Tötung vorausgehen (§4 (1), (1a)  Satz 1 TierSchG). Als notwendige Gründe für das Töten von Tieren werden beispielsweise auf den Seiten des Zweckverbands Veterinäramt JadeWeser und dem Internetauftritt des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit folgende benannt:

  • das Töten im Rahmen der Schlachtung (Lebensmittelgewinnung)
  • das Töten schwerkranker oder verletzter Tiere (im Sinne des Euthanasiegedankens)
  • das Töten von Tieren bei der Seuchenbekämpfung (Ansteckungsschutz, Seuchenkontrolle)
  • das Töten von Wildtieren bei der waidgerechten Jagd oder im Rahmen der Fischerei
  • die Tötung von Tieren im Rahmen von Tierversuchen
  • das Verfüttern von Tieren als Lebendfutter (beispielsweise im Rahmen der Terraristik)

Während die erste Quelle diese Gründe als „notwendige“ benennt, so fällt im Bayerischen Landeamt offenbar „notwendig“ und „vernünftig“ grundsätzlich zusammen. Ich möchte das Fass der Beurteilung der „vernünftigen Gründe“ an dieser Stelle nicht aufmachen: Dies aus ethischen Gesichtspunkten zu diskutieren könnte offensichtlich viele Bände an Büchern füllen (was im übrigen bereits passiert ist). Eine sicherlich nicht uninteressante wissenschaftliche Arbeit, die sich mit der Tötung von Tieren auseinandersetzt, dürfte die schon relativ alte Disseration von Jörg-Peter Luy aus dem Jahre 1998 darstellen – wenn man sich in diesem Thema vertiefen möchte.

Um den Kreis an dieser Stelle zu schließen, möchte ich an dieser Stelle folgende Definition für Fairness bezogen auf Tiere vorschlagen:

Fair gegenüber Tieren verhält sich, wer deren Präferenzen bezogen auf Leben und Wohlergehen achtet und diese nicht willkürlich nur aufgrund seines eigenen Menschseins beschneidet: Wohlergehen beinhaltet auch die Freiheit von vermeidbarem Schmerz und Leiden und bei Tieren in Obhut des Menschen eine angemessene Versorgung selbiger.

Dabei ist natürlich klar, dass sich diese Sichtweise von Fairness nicht auf alle Arten von Tieren übertragen lassen wird: So wird es sich beispielsweise kaum vermeiden lassen, bestimmte Kleintiere und Insekten zu töten. Hier ist aber grundsätzlich diskutabel, ob diese Tiere in der Lage sind, Leben oder Schmerzfreiheit als Präferenz auszuwählen, d.h. ein Schmerzsinn ist zum Beispiel bei niederen Wirbeltieren oder Insekten nicht nachgewiesen. Diese Aussage muss allerdings mit Vorsicht genossen werden, da eben „nicht nachgewiesen“, wie es bei Spektrums Kompaktlexikon der Biologie heißt, nicht gleichbedeutend ist mit „nicht existent“. Der thematische Bezug ist allerdings in diesem Beitrag die Hähnchenmast und nicht das Tierrecht im Allgemeinen – daher wird „dieses Fass“ hier nicht geöffnet.

FairMast = Faire Mast?

Wo ist nun FairMast besser als herkömmliche Mast, was zeichnet sie gegenüber dieser aus? Festzustellen ist zunächst, dass die Tiere länger leben, als dies unter üblichen Mastbedingungen der Fall ist: So leben diese statt 32-38 Tagen „mindestens 56 Tage“ lang, was immerhin 24 Tage länger ist – betrachtet man aber die natürliche Lebensspanne von bis zu 8 Jahren, so erfolgt ihr Lebensende nach wie vor weit vor ihrer Zeit. Dies berücksichtigend, muss zumindest festgestellt werden, dass die Lebensdauer der Tiere hier länger ist, als bei Hähnchen in dem in Merkblatt 347 von 2008 der DLG dargestellten Langmastverfahren (46 Tage). So gesehen leben die Tiere also erstaunlich lange.

Was die Art des Stalls angeht, so lässt die Darstellung auf den Seiten Plukon/FairMast vermuten, dass die Mast in sogenannten „Louisianaställen“ erfolgt. Dies sind Naturställe ohne befestigten Boden mit entsprechender Einstreuung aus Stroh oder Hobelspänen mit freier Lüftung. Die Besatzdichte von durchschnittlich 10 Tieren pro Quadratmetern ist bis zur Hälfte weniger als dies im Mastbetrieb üblich ist. Zudem gibt es Beschäftigungsmöglichkeiten und überdachte Auslaufmöglichkeiten für die Tiere. Hier versucht sich die Marke FairMast von der „konventionellen Massentierhaltung“ und „konventionellen Aufzucht“ abzugrenzen – Auch entspricht wohl das Konzept den Bestimmungen der EU-Richtline 543/2008 und übertrifft diese wohl bei weitem. Trotz alledem handelt es sich auch hier um konventionelle Hähnchenmast.

Der „Fast-Null-Antibiotika-Standard“ der auf dem Internetauftritt zu FairMast dargestellt wird, entspricht ganz offensichtlich dem, was geltende Vorschriften sowieso verlangen. Wie bereits weiter oben erwähnt, dürfen Antibiotika in der EU nur bei medizinischer Indikation gegeben werden – protokolliert und in Absprache mit dem Tierarzt: Daher dürften die Aussagen diesbezüglich bei FairMast eine Luftnummer sein.

Bereits im Herbst 2014 filmten die Tierschützer von PETA heimlich die Zustände in einem holländischen Stall der wohl unter dem FairMast-Siegel produzierte und stellte fest, dass es mit dem Tierwohl nicht soweit her sei: Unterschiede zu anderen Mastbetrieben ohne FairMast-Etikett wäreb kaum erkennbar. PETA spricht hier von Verbrauchertäuschung. Laut topagrar reagierte der Verein Vier Pfoten, der 2012 FairMast zertifizierte, mit der Feststellung, „[…] die Aufnahmen [würden] die traurige Wahrheit[…]“ zeigen. Auf den aktuellen FairMast-Seiten ist von Vier Pfoten inzwischen keine Rede mehr: Inzwischen ist an deren Stelle die niederländische Dierenbescherming getreten, die FairMast mit dem Gütesiegel Beter Leven (1 Stern) bewertet. Die Kriterien, die dort abgebildet werden entsprechend weitgehend jenen, die auf dem Fairmast-Internetauftritt dargestellt werden. Die dort angegebenen, maximalen Gruppengrößen von bis zu 6000 Tieren lassen aber eine ganz klare Zuordnung in den Bereich der konventionellen Massentierhaltung zu. Neuere Erkenntnisse, die sich auf das Sozialverhalten und die kognitiven Fähigkeiten von Hühnern beziehen, legen den Schluss nahe, dass deren Intelligenz wesentlich stärker ausgeprägt ist als früher vermutet und ursprünglich eher in kleineren Gruppen lebte. Diese Erkenntnisse haben selbst SpiegelOnline erreicht, wo in einem Artikel zu diesem Thema die Frage aufgeworfen wird, ob „[…]gängige Massentierhaltung für diese Tiere überhaupt vertretbar[…]“ ist. Man könnte hier zum Schluss kommen, dass selbst wenn man würdigt, wie Vier Pfoten darstellt, dass eine Zertifizierung mit einem Stern zumindest „[…] ein erster Schritt in die Richtige Richtung […]“ ist, den betroffenen Tieren selbst kaum hilft. Vermutlich wird sich der Begriff der Fairness auch auf eine „Massentierhaltung-Light“ nicht anwenden lassen, denn diese stellt kaum eine Verbesserung zu den herkömmlichen Verfahren in diesem Bereich dar.

Wenn man nun die beiden weiter oben definierten Hauptkriterien für Fairness – Berücksichtigung des Lebenswillens und des Wohlergehens der Tiere – betrachtet, so lässt sich grundsätzlich für jede Art von Schlachtung bzw. Tötung von Tieren feststellen, dass dadurch das Interesse des Tieres am eigenen Weiterleben ultimativ verletzt wird: Der oben bereits verlinkte Artikel von Spektrum.de über die kognitiven Fähigkeiten von Hühnern suggeriert, dass es auch bei Hühnern ein solches Interesse am eigenen Fortbestand gibt. Der Artikel „Thinking chickens: a review of cognition, emotion, and behavior in the domestic chicken“ von Lori Marino in Animal Cognition (online erschienen am 02.01.2017) stützt diese Annahme ebenfalls, insbesondere durch das im Abschnitt über referenzielle geschilderte Verhalten von Hähnen. Dieser Punkt ist aber unabhängig von der Art der Haltung oder Aufzuchtweise und Schlachtung. Wenn man sich dafür entscheidet, höhere Tiere zu verspeisen, so muss man sich darüber im klaren sein, dass jene Tiere (1) oft weit vor ihrer natürlichen Zeit getötet werden und (2) ihr Interesse am Weiterleben aufs schärfste verletzt wird.

Was das Interesse der Tiere am Wohlergehen angeht, so ist davon auszugehen, dass dieses im Rahmen der Massentierhaltung – auch in der Light-Variante – kaum angemessen berücksichtigt wird. So wäre zunächst die artgerechte Haltung der Tiere ein grundsätzlicher Aspekt für das Wohlergehen der Tiere: Der ETN e.V. beschreibt beispielsweise eine Auslauffläche von ca. 10qm für ein großes Huhn und eine Besatzdichte im Stall von 3-4 Hühnern pro qm als angemessen – also weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Besatzdichte in den FairMast-Ställen. Noch weit von der artgerechten Besatzdichte entfernt, so wären die Tiere in den FairMast-Betrieben jedoch zumindest in der Lage – vorausgesetzt, deren Zahlen stimmen, normales Sozialverhalten zu zeigen, was laut der Albert-Schweitzer-Stiftung ab einer Besatzdichte unter 18 Tieren pro qm erst möglich ist. Das Futter bei FairMast, „gentechnisch unverändertes Futter“ mit 70% Getreideanteil und zusätzlich händisch eingestreute Getreidekörner, scheint nicht unbedingt artgerecht gewählt zu sein: „In der Natur fressen Hühnervögel Samen, Würmer, Insekten oder Beeren. Hühner sind also keineswegs reine Körnerfresser, wie man vermuten könnte, sie benötigen im Gegenteil eine abwechslungsreiche Ernährung, um ihren Bedarf an verschiedenen Mineralien decken zu können.“ Dieses Zitat des ETN wird auf der oben verlinkten Seite der Albert-Schweitzer-Stiftung bestätigt. Grundsätzlich finden sich immer häufiger Standpunkte, welche die konventionelle Haltung von Masthähnchen in der Masse insgesamt in Frage stellen.

Bemerkt sei an dieser Stelle noch der Aspekt, dass Plukon – wie oben bereits verlinkt, von einem Schlachtvolumen von 7,6 Millionen Hühnern pro Woche spricht. Das wären dann, wenn man eine Vollauslastung annehmen würde, über 395 Millionen Hühner pro Jahr. Die Legitimation für diese Schlachtungen wird über den bereits erwähnten „vernünftigen Grund“ als Ausnahme gewährt: Wäre dem nicht so, würden sich Plukon und auch andere nach dem Tierschutzgesetz strafbar machen. Dennoch bleibt die Reduktion des tierischen Lebens auf ein industrielles Massenprodukt fragwürdig und schwer zu rechtfertigen – insbesondere unter dem Aspekt der Fairness.

Was tun als Konsument? Ein Fazit

Wer gerne Fleisch isst, hat es nicht unbedingt leicht – zumindest wenn er seine Augen nicht vollständig verschließt bzw. keinen Gedanken an Tierwohl verschwendet. Wer der Auffassung ist, dass ein Tier wenigstens bis zur Schlachtung ein seiner Art möglichst angemessenes Leben führen sollte, wird vermutlich genauer hinschauen müssen. Bei firmeneigenen Marken wie FairMast ebenfalls eine ist, warnt die Verbraucherzentrale vor einem „[…] generell hohen Täuschungspotential […]“, stellt auf der anderen Seite aber fest, dass Label stehe für deutlich verbesserte Haltungsbedingungen der Nutztiere. Wenn man die unterschiedlichen „Tierprodukte“ von Plukon anschaut, die von klassisch konventioneller Massentierhaltung (außerhalb Deutschlands bis zu 42 kg/qm Besatzdichte) bis hin zu Bio-Huhn betrachtet, drängt sich der Gedanke auf, es ginge hier im Prinzip vor allem um die Produktvermarktung in allen Nischen und weniger um das Tier dahinter. Nimmt man hierzu dann auch noch die Videoaufnahmen von Peta und deren grundsätzliche Bestätigung von „Vier Pfoten“, die sich inzwischen auch nicht mehr als Zertifizierer auf der FairMast-Seite finden, so vertieft sich das eher sehr zwiespältiges Bild. Ruft man sich dann noch die Berichte zum Beitrag der industriellen Tierhaltung zum Klimawandel und die generellen ethischen Bedenken ins Gedächtnis, die seit Jahren in den Medien zu finden sind (beispielsweise: Yuval Noah Harari im Guardian vom 25.11.2015; Beitrag der Landwirtschaft zu den Treibhausgas-Emissionen, Umweltbundesamt vom 24.04.2017 oder die Süddeutsche / SZ.de vom 09.07.2012) dann kommen doch erhebliche Zweifel an den hehren Absichten jenseits der Vermarktung von effizient produziertem Fleisch für jeden Kundenanspruch.

Wer nicht vollständig dem Fleischkonsum entsagen möchte und trotzdem möchte, dass die Schlachttiere vor ihrem frühen Tod so gut als möglich lebten, wird das Supermarktfleisch im Regal liegen lassen müssen und sollte „selbstverliehenen“ Siegeln oder Markenzeichen gegenüber misstrauisch sein. Insbesondere dann, wenn Konzerne oder große industrielle Produzenten einzelne Teile oder Zweige auf „fair“, „nachhaltig“ oder „bio“ trimmen, kann vielleicht auch der „Zielgruppenmitnahmegedanke“ unterstellt werden. „Überzeugungstäter“ sind am ehesten naheliegenderweise dort zu finden, wo sich ganze Betriebe strengen (externen) Richtlinien und externer Kontrolle unterwerfen, beispielsweise bei einer Mitgliedschaft in einem traditionellen Verband des ökologischen Landbaus (z. B. Bioland, Naturland oder auch Demeter). Anzumerken ist, dass auch das kein Garant sein muss, dass alles rund läuft mit dem generellen Tierwohl (z. B. taz vom 08.02.2016 zu Bioland und Antibiotika-Einsatz, Peta über Tierquälerei auf einem Bioland-Ziegenhof 2016 oder der Fall eines Schlachthofs in Fürstenfeldbruck, der massiv gegen den Tierschutz verstoßen haben soll und laut bayerischem Rundfunk für Bioland und Naturland produziert hat). Sicherlich kann auch das Fleisch beim Metzger um die Ecke besser sein als die Ware aus dem Supermarkt. Das hängt aber auch davon ab, wie der Metzger zu seinem Fleisch kommt: Schlachtet er selbst? Bezieht er es möglicherweise aus der gleichen Quelle wie der Discounter? Laut Utopia schlachten in Deutschland wohl noch 30% der Metzger selbst (Artikeldatum September 2015), wobei die Tierhaltung lokaler Bezugsquellen – kleineren Bauernhöfen beispielsweise – wesentlich besser sein kann als es bei den Großbetrieben der Fall ist. Man wird wohl, wenn es einem als Konsument ernst ist, nicht ums Nachfragen herumkommen. Auch, und das ist kein Geheimnis, hat solches Fleisch einen Preis, der anders ist als der des unter Schutzathmosphäre verpackten Discounterfleischs.


Quellen und mehr

Literatur

  • P. Singer 2016: „Liberal Animation – Die Befreiung der Tiere“, 2. Auflage, Harald Fischer Verlag, Erlangen (Original: „Animal Liberation. Second Edition“, 1990)
  • P. Singer 2012: „Praktische Ethik“ in U. Wiesing (Hrsg.): „Ethik in der Medizin“, 4. erweiterte und vollständig durchgesehene Auflage, Reclam Verlag, Stuttgart
  • O. Höffe 2008: „Gerechtigkeit“ in O. Höffe (Hrsg.): „Lexikon der Ethik“, 7. neubearbeitete und erweiterte Auflage, Verlag C. H. Beck, München
  • J.-P. Luy 1998: „Die Tötungsfrage in der Tierschutzethik“, Disseration an der FU Berlin, Berlin, http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000000081 (Besucht am 11.12.2017)
  • L. Marino 2017: „Thinking chickens: a review of cognition, emotion, and behavior in the domestic chicken“, erschienen in: Animal Cognition, März 2017, Vol. 20, Ausgabe 2, Srpinger Verlag Berlin und Heidelberg, https://link.springer.com/article/10.1007/s10071-016-1064-4 (Besucht am 11.12.2017)

Studien und Berichte

Sonstige Publikationen und Artikel

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